Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 5.1899

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Bücket'schall.

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dass sie einer streng ornamentalen Beherrsch-
ung des Struktiven, des Notenbildes aus
dem Wege gehen. — Es sind im Ganzen
23 Voll- und Textbilder in Original - Litho-
graphie. Ausgegeben wurde eine » Vorzugs-
ausgabe« in 60 nummerirten Exemplaren
mit Unterschrift auf holländischem Bütten,
mit Pergament-Mappe und Extra-Abzügen
der Lithographien auf Japan (80 Mk.); ferner
eine »77. Ausgabe« auf Bütten und in Karton
geheftet (25 Mk.).

ft

Ernst Häckel, Kunstformen der Natur.
Leipzig, Bibliographisches Institut.

Ernst Häckel war allezeit ein Künstler;
seine wissenschaftlichen Bücher halten nur
als Kunstwerke nach aller Kritik stand, und
seine grösste Entdeckung, die der Gastrula,
war eine That schaffender Phantasie, was
ihm seine Kollegen, zumeist
echte »Bücher in Hosen«, nie
ganz verziehen haben. Heute
tritt er mit einer rein künst-
lerischen Gabe vor uns. Die
Formenwelt der niederen Lebe-
wesen, die den meisten Menschen
nie zu schauen vergönnt ist,
und die er uns in seinen Mono-
graphien und Reisebriefen schon
so prächtig dargestellt hatte,
bringt er nun in treuem Bilde,
wie seine Malerhand es ent-
worfen hat. Dass entzückend
schöne Sachen darunter sind,
leugnet keiner, der nur ein paar
Blätter der ersten Lieferung
flüchtig betrachtet. Allein für
uns ist eine andere Frage ge-
stellt: darf man Häckels Samm-
lung als eine Bereicherung der
Kunstformen auffassen? — Ich
denke, man wird da sehr skep-
tisch sein müssen. Sehr viele
der abgebildeten Motive, vor
allem Korallen und Diatomeen,
sind schon reichlichst verwandt,
theilweise überlebt. Andere
Tafeln bergen freilich ganz
Neues. Aber die moderne
Nutzkunst rechnet in ihren Ge-

staltungen streng mit der Stimmung, der
sie eingepasst werden sollen. Und es ist
unleugbar, dass uns diese Weichthiere
und Stachelhäuter im Ganzen, bei aller
Farben- und Formpracht, etwas Unbehag-
liches, Unsympathisches bleiben; während
Pflanzen uns stets liebe und anheimelnde
Hausgenossen sind. Allerdings stellt gerade
dadurch Häckel den Künstlern ein grosses
Problem: diese Lebewelt in unsere Umgebung
einzupassen. Mit feinem Künstlertakte hat
er darum auf jeden Versuch einer Stilisirung
verzichtet; hier müssen die jeweiligen Be-
dürfnisse entscheidende Anregungen bringen.
Es mag auch scheinen, als widerstrebe der
exotische Hauch dieser Motive dem Drang
nach einer Heimathskunst. Ich messe dem
wenig Gewicht bei. Z. B. der nördliche at-
lantische Ozean ist, physikalisch wie politisch,

FRITZ SCHUMACHER—LEIPZIG.

Grab einer Kaiserin.

1900. V. 6.
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