Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 10.1902

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Joseph August Lux—Wien:

Wienertum karakterisiert als eine Mischung
von Leicht-Blütigkeit und Schwermut, von
sinnlicher Lebens-Freude und übersinnlicher
Sehnsucht nach allem Fernen, Tiefen,
Wunderbaren, und damit die komplizierten
Empfindungen zu erklären versucht, die
den prickelnden Reiz der Wiener Walzer
und Volks - Litteratur ausmachen. Klimt's
Kunst, exotisch, wundersam, höchst subtil,
wie sie ist, wurzelt in dieser Art. Aller grob-
sinnlichen Formen entkleidet, erscheint sie
als verfeinertes Wienertum, als geistiges
Substrat, das von dem materiellen Sein der
Dinge nichts behält, als einen Hauch von
Anmut, einen leichten Erden-Duft, eine um-
schwebende sinnliche Atmosphäre. Indem
sie die Dinge der Erden-Schwere entlastet,
vergrössert sie das Reich des Darstellbaren.
Solche Gestalten, wie die Unmäßigkeit,
Wollust und Unkeuschheit, wären in der
bestimmter begrenzenden realistischen Form,
künstlerisch betrachtet, ganz unmöglich.
Klimt kann ungescheut das Wagnis unter-
nehmen. Es wirkt mit der Kraft und Schön-
heit des Symbols. Die Wand-Bilder sollen
hier als Fläche wirken; sie schmiegen sich
aufs engste dem architektonischen Gedanken
an. Grosse Putz-Flächen über die friesartig
Gestalten hinschweben, sind leer gelassen,
mit Rücksicht auf die Durchblicke, die man
vom Haupt-Saal aus gewinnt, dessen Ruhe
und Einheit vor allem gewahrt bleiben soll.
Die gleiche Rücksicht macht sich im rechten
Seiten-Saal bei Andri's Wand-Bild: »Mannes-
Mut und Kampfes - Freude« geltend, wo
die graue Wolke die Perspektive vom
Haupt-Saal aus abschliessen soll. Hingegen
an den abgewendeten Flächen und an den
von den Pfeilern gedeckten Stellen breitet
sich der malerische Schmuck flächenartig
reicher aus. Die langgestreckten, im eben-
mäßigen Zuge hinschwebenden Körper ver-
sinnlichen die menschliche Sehnsucht nach
Glück, zu der sich die Kraft gesellt, bewegt
von den Bitten der leidenden Menschheit,
von Mitleid und Ehrgeiz getrieben. Ist
nicht die himmelstürmende Sehnsucht des
Menschentums selbst der grosse Kraft-
Erreger, der zu dem Typus Übermensch
führt? Feindliche Gewalten stellen sich dem

Ringen nach Glück entgegen, der Gigant
Typhoeus in einer affenähnlichen Gestalt
verkörpert und tief bedeutsam für das
Bestialische des Untermenschen, das als
stärkstes Hemmnis im Kampfe um das
Glück erscheint. Die grauenhafte Genealogie
dieses Untermenschentums heisst: Krankheit,
Wahnsinn, Tod; Wollust, Unkeuschheit und
Unmäßigkeit; nagender Kummer. Die
goldgeharnischte Kraft, die feindlichen Ge-
stalten, wie etwa die Bilder der Völlerei,
der Unzucht etc. sind Fantasie-Schöpfungen
von genialer Karakteristik und nerven-
erregender Eindringlichkeit. Die Glücks-
Sehnsucht erweist sich stärker, sie schwebt
über die finsteren Mächte hinweg, und
findet Stillung in der Poesie. Die Künste
geleiten sie in das Elysium, in das ideale
Reich, wo die Stimmen der Seligen von
reiner Freude singen, und die Sehnsucht
in dem Kuss der reinen Liebe Erlösung
findet. Auch Auchenthaller hat in seinem
grossen Wand-Bild im rechten Seiten-Saal
den Schluss - Satz der Neunten Symphonie:
»Freude, schöner Götter - Funke« ver-
gegenwärtigt. Er hat seine beste Kraft ein-
gesetzt, ebenso Andri in dem gegenüber-
stehenden Bilde: »Mannes-Mut und Kampf es-
Freude«, das durch die grosse Kraft und
Kühnheit der Bewegung ausgezeichnet ist.
In zahlreichen Füllungen und Schmuck-
Platten, die in die Wände eingelassen sind,
haben die Künstler neue Techniken und
Material-Verwendungen gesucht und fast
durchwegs neue fruchtbare Entwickelungen
angebahnt. Ein Reichtum von Schönheit
und Anmut, von Erfindung in technischen
Kombinationen und neuen Dekorations-
Möglichkeiten ist über diese Wände ver-
breitet. So die entzückenden Kupfer-Platten
von Max Lenz und von Friedrich König,
die Kachel - Schnitte von Koloman Moser,
Rieh. Luksch und Freiherr v. Myrbach, die
Mörtel - Schnitte von Stöhr, List, König,
Stolba, die Fresko - Malereien von Rud.
Jettmar und von Frau Luksch - Makovsky,
die in Lindenholz geschnitzten Hoch-Reliefs
von Andri, eine interessante Goldlack-Arbeit
von Orlik, das Marmor-Relief von Schim-
kowitz, womit die Zahl noch nicht erschöpft
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