Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 11.1902

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Architekturen uon Paul 3aspar—fcüfficfi

Im Laufe dieser letzten Jahre ist eine recht
stattliche Gruppe origineller Künstler an
den Ufern der belgischen Maass auf-
getreten. Die Kunst-Freunde kennen und
schätzen ihre Werke besonders auf dem
Gebiete der dekorativen Malerei und des
Buch-Schmucks; es sind: Auguste Donnay,
Armand Rassen/osse, Emile Berchmans.
Man weiss auch, welche blendenden Erfolge
uns der harmonisch-erfindsame Geist Gustave
Serrurier's in der Möbel-Kunst beschieden
hat. In der Architektur ist ein anderer
Verkünder neben ihnen aufgetreten: der
Lütticher Baumeister Paul /aspar. Er hatte
ein umfassendes Wissen in den Dienst eines
allgemein verständlichen Empfindens zu stellen
und erwies sich als eine hervorragende Kraft
auf dem Kunst-Gebiete, auf dem sich auch
seine Rivalen, wie Horta, Hobe, Hankar ihren
Ruf erworben haben. Ernste Studien in der
Stille des Bureaus veranlassten ihn, sein Prinzip
der modernen Konstruktion auf das Verstan-
desmässige zu stützen. Bei seinem Besuche
der Universitäten Lüttich und Brüssel gab
er sich vorzugsweise dem Zeichnen nach der
Antike hin und suchte eifrigst die Geheim-
nisse der klassischen Architektur zu ergründen,
deren Anwendung in den nördlichen Ländern
ihn mit Recht eine Ketzerei dünkte. Darauf

machte er eine 5 jährige Lehrzeit bei Meister
Beyaert, der nun dahingeschieden ist, durch,
dann bereiste er Italien und den Norden
Frankreichs. Nach Lüttich zurückgekehrt,
begann er mit Inbrunst die Altertums-Kunde
des wallonischen Landes zu studieren. Diese
ausdauernden Forschungen — es ist das
alt-lüttich'sche Bauwerk, welches ihm seine
Geheimnisse geliefert hat — bestimmten bei
ihm das Erstarken einer Individualität, welche
sich bestrebt das Vermächtnis der Vergangen-
heit nutzbar zu machen: ihre Schönheit, in-
sofern sie mit unseren Begriffen von Zweck-
mässigkeit noch übereinstimmt. In diesem
Sinne hat er in dem Maße, als er sein Em-
pfinden vertiefte, Schöpfungen von seltenem
Werte durchgeführt, indem er, inspiriert von
einer mehr als hundertjährigen Überlieferung,
so sehr als möglich die Befriedigung der
zeitgenössischen Bedürfnisse anstrebte. Paul
Jaspar weigert sich in der That jene Art
von künstlerischem Nihilismus anzuerkennen,
welche will, dass nichts vor uns existiert
habe. Er ist ein Neuerer und dennoch ver-
liebt in die Vergangenheit. Seine Architektur
ist nicht nur originell und pittoresk, sie ist
durch und durch vernünftig und daher wert,
ihrem Prinzip nach erläutert zu werden zur
Anleitung der Jugend, welche oft vergisst.

1903. V. 6.
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