Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 16.1905

Page: 560
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1905/0175
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile



o

dl

Zigarren dose. Q
Eingelegtes B
Holz.






D
-■






■■
D

a

a
■■
a




a
■■

D

dl

Zigarrendose.
Eingelegtes D
Holz. m

n



a

Soll aber deshalb das viele Köstliche,
was zwischen den geläufigeren Formen
des Lebens existiert und empfindliche
Geister entzündet, ganz ausser Betracht
bleiben? Nötigt uns die Natur unseres
Erkenntnisvermögens nicht, auch da Indi-
viduen zu erschaffen, wo keine Individuen
sind? Gibt es »den Tod«? — Nein. Aber
werden wir nicht zu Zeiten gezwungen,
ihn zu erschaffen? Ein Wesen zu er-
schaffen, das Nacht und Kühle ausströmt,
das fremd und schrecklich ist, das lieben
und hassen kann,
das die Lippen der
Sterbenden blau
färbt und die Ge-
sichter mit Künst-
lerhand verändert,
so dass sie kaum
das Mutterauge
mehr erkennt? Ein
Wesen, das der
gefühlte, empfun-
dene Träger so
vieler furchtbarer
Wirkungen ist ? —
Es lässt unseren
Geist nimmer los.
Und aus einem Ma-
terial, das unsere
Psycho - Physio-
logen nie ergrün-

560

den werden, erhebt sich wie ein Nebel
der dürre Wüstling mit seinen fremd-
artigen Gelüsten und seinen fabelhaft
realen Augen, furchtbar wirkliche Taten
und ebenso realen Händen wirkend. Seht
hin! All unser Schmerz wird an ihm zur
schmerzwirkenden Kraft. Unser Grauen
sitzt ihm als Knochenschädel auf dem
Halse, unser rasendes Herzweh trägt er
als Sense über der Schulter. Er ist! Er
ist so wahr wie die Sonne, so lebendig
wie der Sturm, so wirklich wie die Nacht.

Erkenntnistheoretisch ist das Figuren-
bild so wohlbegründet wie die nackte
Modellschilderung. Ja, sogar noch besser.
Anthropomorphismus ist Seele und Ziel
jeder Kunst. Schon in den einfachsten
grammatischen Kategorien der Sprache
liegt der Trieb zur Gestalt. Wie sich das
Zeitwort sein Subjekt erschafft, so er-
schafft sich der Künstler Gestalten als
Träger und Deuter seelischen Geschehens.
»Ich fürchte, wir werden Gott nicht los,
weil wir noch an die Grammatik glauben«,
sagt Nietzsche. Mit Grund. Ich aber
hoffe, wir werden das Figurenbild nicht
los, weil wir noch — Menschen sind.

WILHELM MICHEL—MÜNCHEN.





D

_■


D
•■


a
a

a

a

a
•■
a

a

a

a



D





a

a


«■
a
«■
a


a






D

a
a

■D
loading ...