Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 16.1905

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GARTENBAU-AUSSTELLUNG IN DARMSTADT.

19. August bis 10. September 1905.

Wenn in der letzten Zeit der Name Darm-
stadt in Verbindung mit einer Ausstellung
genannt wurde, so wusste man, dass es sich um
etwas Neues und Eigenartiges handelte, um etwas,
das nicht ohne Einfluss auf die Lebenshaltung
der Gebildeten bleiben würde. Man wusste auch,
dass ein feinsinniger Fürst nicht bloss mit dem
Schwergewicht seines Namens, sondern auch mit
tatkräftiger Hilfe hinter der Sache stand. So ist
es auch diesmal. Ernst Ludwig, der Grossherzog
von Hessen und bei Rhein, hat nicht nur das
Protektorat über die Ausstellung übernommen,
er hat auch das nötige Gelände, den Orangerie-
garten in Darmstadt-Bessungen zur Verfügung ge-
stellt und er wird selbst der bedeutendste Aus-
steller sein, denn die Hofgärtnereien Darmstadt,
Rosenhöhe und Bessungen nehmen alle mit ihrer
ganzen Kraft an der Gesamtgestaltung teil. Wer
die erste Ausstellung der Künstler-Kolonie ge-
sehen hat, dem wird die reizvolle Fassung des
ganzen Unternehmens durch gärtnerischen Schmuck
unvergesslich geblieben sein. Der einzelne Be-
sucher hat damals diese Anlagen wohl als etwas
angenehm Selbstverständliches hingenommen, die
Eingeweihten wussten, welchen Wert hier die frei-
gebige Huld eines Mächtigen hatte. Die kommende
Gartenbau - Ausstellung wird unter demselben
Zeichen stehen und deshalb nicht wenig vor
ihren Vorgängerinnen voraus haben. Alles Un-
feine, alles Jahrmarktmäßige schliesst sich von
selbst aus, mit fröhlichem Ernst wird hier der
Sache allein gedient. — Der Grossherzogliche
Orangeriegarten ist ein Komplex von etwa
35 Morgen Bodenfläche. Er ist ursprünglich in
französischem Stil angelegt, aber nie ganz vollendet
und im Laufe der Zeit verschiedentlich um-
gestaltet. Als Hauptachse durchschneidet ihn in
der Richtung von Nord nach Süd, ein von
prachtvollen alten Linden gefasster Weg, der sofort
einen reizenden Ausblick auf den in Terrassen
ansteigenden Mittelteil eröffnet. Herrliche Baum-
bestände, teils einzeln und in Gruppen stehend,
teils in langen Alleen ziehend, gliedern das Ganze.
Den Vorgarten schliesst eine von West nach
Ost gerichtete Gebäudeflucht ab, deren Mittel-
punkt das grosse, im Barockstil erbaute Orangerie-
haus ist. Sämtliche Gebäude stehen zu Aus-
stellungs- oder Restaurations-Zwecken zur Ver-
fügung. Neu errichtet werden noch zwei Winter-
gärten, sowie ein grosses Wasserpflanzenhaus mit
200 qm heizbarer Wasserfläche, welche zur Vor-
führung der kostbaren Nymphaeensammlung der
Hofgärtnerei Rosenhöhe dient.

Vor der Gebäudeflucht breitet sich das grosse
Schmuckparterre und hier beginnt der künst-
lerische Einfluss, der bestimmt ist, dieser Garten-
bau-Ausstellung ein besonderes Gepräge zu geben.
Die Ausstellungsleitung hat sich mit den Darm-

städtern Künstlern in Verbindung gesetzt, welche
eine Reihe von Sondergärten errichten und durch
Beratung aller sonstiger Arrangements das Gelingen
des Ganzen fördern. So wird Prof. J. M. Olbrich
die erste Terrasse zum grössten Teil bepflanzen
und nach seiner Idee werden auch die Aussteller
von Blumensortimenten in dem ebenerwähnten
Schmuckparterre, der Blütenfarbe entsprechend
bestimmte Plätze zugewiesen erhalten, so dass
das Ganze eine mosaikartige Wirkung erhält, die
namentlich von der Höhe der beiden Terrassen
zur Geltung kommen wird. — Die Olbrichsche
Anlage auf der ersten Terrasse gliedert sich durch
drei versenkte Gärten, deren Achse von Ost nach
West liegt. Sie haben octogonale Form und je
etwa i 50 qm Bodenfläche. Die umgebende Stein-
mauer ragt etwa 160 cm über das Niveau heraus
und der Grund ist einen weiteren Meter aus-
gehoben, so dass man sich im Inneren vollstän-
dig abgeschlossen befindet und den Zauber der
jeweiligen Stimmung (der eine Garten ist rot, der
zweite blau, der dritte gelb) vollkommen auf sich
wirken lassen kann. Die Umgebung der Gärten
hat durch umfängliche Erdbewegungen reiche
architektonische Gliederung erfahren. Einzelne
Punkte werden so hoch liegen, dass ein Über-
blicken der Gärten von oben möglich sein wird.
— Auf derselben Terrasse haben die Architekten
Fuchs und Koch zwei Sondergärten errichtet,
deren Anlage in engstem Anschluss an Olbrichs
Gestaltungsmethoden gehalten ist, so dass die
ganze Terrasse ein einheitliches Bild zeigt.

Eine andere Auffassung wird in dem »Bürger-
gärtchen« des Malers H. D. Leipheimer, das auf
der zweiten Terrasse liegt, zum Wort kommen.
Mit denkbar bescheidenen Mitteln soll das Bei-
spiel zu einem Garten gegeben werden, wie er
von dem Bewohner einer grossen Stadt, draussen
vor der Spekulationsgrenze angelegt und selbst
unterhalten werden kann. Freude am Selbst-
schaffen soll er spiegeln, Wohlgepflegtheit soll
seine Grundnote sein. Gleichzeitig soll für die
moderne Idee der Gartenstadt durch Aushängen
der Pläne verschiedener Gartenstadt-Gesellschaften,
in dem Gartenhäuschen des »Bürgergärtchens«
Propaganda gemacht werden. — Ganz ähnliche
Ideen vertritt Architekt J. Gewin, der ebenfalls
einen Sondergarten errichtet hat. Dieser liegt
im Vorgarten jenseits der Gebäudelinie und
gliedert sich in einen Vor- und Hauptgarten nebst
besonderen Kindergarten. Die ganze Anlage ist
im Biedermeierstil gehalten. — Es kommen noch
hinzu zwei Sondergärten von Berufs - Garten-
künstlern, die vor und neben dem eben be-
sprochenen liegen, so dass ein reiches Vergleichs-
material geboten ist, und das bedeutet ja immer
den Anstoss zu einem Meinungsaustausch, aus dem
die Zukunft Nutzen ziehen wird. — h. d. l.
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