Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 18.1906

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Hermann Urban.

H. URBAN — MÜNCHEN.

Böcklin wiederzufinden, ist nicht unerhörter
als einen fertigen Corot darin zu entdecken.
Unerhört wäre es nur, von einem Künstler
der Jetztzeit zu verlangen, er solle auf alles
das verzichten, was der Durchgangspunkt
der grossen Meister gewesen. So können
wir getrost zugestehen, dass Urban in dem-
selben Grade mit Böcklin verwandt ist, wie
letzterer mit Poussin, und hoffen damit Allen
Genüge getan zu haben.

Eine interessantere Studie für kritische
Untersuchung böte die Betrachtung, wie
sehr in wenigen Generationen die Auffassung
der Landschaft sich geändert hat. Ehemals
und noch bis vor kurzem, bestand das
»Malerische« in weiten Horizonten mit drei-
viertel des Bildes einnehmenden Lufträumen,
die Landschaft darunter flach, endlos ....
oder unter der friesartig hingezogenen Luft
ein vielfach unterbrochenes Terrain mit einer
Fülle von sorgfältig durchgearbeiteten Details.
Aber wie sie auch sein mochten, es herrschte
eine gewisse Tradition, ein stummes Ein-
verständnis, welches zuletzt zu einem der-
artigen Schema führte, dass die lokalen
Unterschiede zwischen einer holländischen,
einer französischen oder einer italienischen
Landschaft verwischt wurden, bis das vor
allem angestrebte, eine klassische Landschaft,
d. h. das Typische, statt des Charakteristischen,

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Zeichnung »Träumerei«,
lies.: Herr Ferd. Hirner—München.

erreicht war. Dieser Vorgang bestand bis
gegen das Ende des 19. Jahrhunderts: so
tragen die Landschaften des »Nemisees« von
Corot nicht mehr italienischen oder weniger
französischen Charakter als seine »Seine«-
Bilder; auch die Werke der französischen
Impressionisten konnten überall gemalt sein;
befangen in ihrer Theorie hatten sich die
Schöpfer derselben wohl gehütet ein getreues
Abbild der geschauten Natur zu geben. Im
Gegensatz zu ihnen steht das Gemälde des
Isartales von Rieh. Pietsch, dessen Urbild
gewiss nur im Isartal zu finden ist. Eichlers
Werke kann man nur in Bayern selbst voll-
ständig begreifen. So nimmt auch in Herr-
mann Urbans Werken nicht das am meisten
unser Interesse gefangen, was an bestimmten
Linien und Lichteffekten nach der sogenann-
ten »Malerischen« Regel in die Leinwand
komponiert ist, oder die sorgfältig geprüften
und ausgeführten Details, sondern vielmehr
die charakteristischen Eigenheiten dieser oder
jener Region, wie die Terrainbildung und
vulkanischen Seebecken von Nemi, die aus-
gewaschene Küste von Anzio, die steinigen
Buchten der Insel Elba, die ruinenbekrönten
Klippen von Ponza, die Pontinischen Sümpfe
mit ihren römischen Trümmern inmitten von
Schilf und Schlamm, — aber all dieses ge-
sehen mit einer synthetischen Breite, die es
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