Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 18.1906

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Typisches und Neues in der Raumkunst.

einer unerschöpflichen Phantasie beschau-
lich weiter träumen. Wie schielen da schon
andere wieder kräftig nach den alten Vor-
bildern, wie läßt da so mancher »neuer«
Stil sich unschwer aus einem doch schon
ziemlich lange Zeit vergangenen erklären!
Männer, wie Schulze - Naumburg ahmen
gar bis auf das Titelchen den edlen
Stil der Biedermeierzeit nach! Hier sind
die Waffen bereits schon völlig gestreckt,
die Masten gekappt, bevor das Neuland der
Kunst erreicht ward. Wild, wirklich wild
gibt auf der Ausstellung sich eigentlich nur
Van de Velde. Sein Museumsraum für
Weimar ist der wunderlichste Raum der
Ausstellung, unorganisch, voller Unruhe und
unnötigem Materialaufwand, noch einmal eine
Orgie des Kurvenstils und eine recht be-
denkliche, bevor er wegen allgemeiner Ge-
brauchsunfähigkeit wohl gänzlich zu Grabe
getragen wird. Sonst ist tatsächlich alles
bedeutend ruhiger, bedeutend sachlicher ge-
worden. Die gerade Linie, die Fläche, der
rechte Winkel und das Rechteck dominieren.
Man ahnt auf der Ausstellung wirklich nicht,
daß noch vor kurzem — es war noch durch-
aus auf der Pariser Weltausstellung der
Fall — als Hauptmerkmal der neuen Be-
strebungen die krumme Linie, die Kurve,
galt, daß man nach dieser den neuen Stil
gar Peitschen-, Tentakelstil oder sonstwie zu
nennen pflegte. Die Rokokozeit des modernen
Stils, mit der dieser merkwürdigerweise be-
gonnen, ist vorüber; was nun kommt, scheint
immer ein wenig Biedermeier zu sein. Damit
ist gesagt, daß dieser Stil ein sachlicher,
ernster geworden ist, daß er zur reinen Ver-
nunft zurückkehrt.

In diesem Sinne gestaltet auch die Raum-
kunst ihre Wände, Decken und Böden, in
diesem Sinne auch ihren eigentlichen Inhalt,
die Möbel. Auffallende Verstöße sind hier
selten. Als schlimmste gegen ganz ein-
fache Elementarregeln können wohl die
Wandgemälde in dem Prunk-Musikzimmer
Grenanders genannt werden, riesengroße
Frauengestalten in völlig realistischer Dar-
stellung, in die noch dazu in ganz erbarm-
ungsloser Weise die völlig unnötig hohen
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Lehnen von Wandsesseln hineinschneiden.
Ein solcher stilistischer Eingriff erscheint
eigentlich heute kaum noch begreiflich.

Hinsichtlich der Behandlung der Wände
fällt weiter auf, daß jener Tapetentypus, den
zuerst die englische Kunst aufgebracht hat,
und der dann auch bei uns in Deutschland
namentlich seit dem Siegeszuge Walter Cranes
so populär geworden ist, jene Einteilung der
Tapetenwand in Fläche und großen breiten
oberen Fries auf der Ausstellung sich nirgends
mehr recht findet? Ist das ein Zufall oder
bedeutet es eine Kritik? Auf alle Fälle hat
sich bei uns, wie diese Ausstellung ganz
besonders schlagend zeigt, eine gänzlich
andere Wandbehandlung ausgebildet. Sie
hängt mit der jetzt scheinbar ganz allgemein
erstrebten innigen Zusammenziehung von
Decke und Wand zusammen, mit dem Streben
nach Verkleinerung des Zimmers nach oben
zu, mit jenem Bestreben, auch nach dieser
Seite hin einem Räume den Charakter des
Abgeschlossenen zu geben: ganz allgemein
wird die Zimmerdecke jetzt ganz auffallend
tief herabgesenkt.

Es ist dies eine Reaktion gegen die all-
zuhohe Zimmerdecke, die für Deutschland
so lange typisch gewesen ist, da die Hygienik
sie verlangte, obwohl sie das Auge, ja auch
das Gemüt nicht befriedigen konnte, viel-
leicht eine Reaktion, die, wie es nun einmal
Wesen aller Reaktionen, gleich zu stürmisch
nach dem unmittelbarsten Gegenteil ver-
langt. Doch die Wirkung, die erstrebt wird,
bleibt deshalb nicht aus. Das so gestaltete
Zimmer wird dadurch wieder traulicher, in-
timer, gemütlicher, man braucht sich den
Hals nicht mehr auszurecken, um festzustellen,
daß man auch nach oben zu gegen die Un-
bilden der Witterung geschützt ist. Auf der
Ausstellung sind so gut wie alle Decken
niedrig eingespannt, oft sogar, wie z. B. beim
Musiksalon von W. Kreis auffallend niedrig,
trotz größerer Ausdehnung des Raumes.
Nur die Dielen, so die Bremer Diele von
Högg, sowie die von Max H. Kühne zeigen
die stattliche Höhe alter Anlagen, die ihre
Vorbilder gewesen sind. Unzweifelhaft liegt
in dieser Neuerung ein großer ästhetischer
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