Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 19.1906-1907

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1 cm
facsimile
Jessie M. King —Glasgow.

EX 1 JJBFX)'

: RICHARD •ROörJIDOKrT:

JESSIE M. KING.

»Exlibris«

Besitzer: R. Rosendorff—Berlin.

berg und Avignons zum
Zeichnen angeregt wurde, und erkennen auch
hierin wieder ihren romantischen Geschmack.

So viel zur Charakteristik des Geistes,
der in ihrer Kunst zum Vorschein kommt.
Ein zweites, sehr wichtiges Moment bei der
Beurteilung ihrer Schöpfungen ist ihre starke,
triebhafte Hinneigung zum Dekorativen. Alle
ihre Arbeiten sehen aus, als stünden sie unter
den Bedingungen irgend einer schwierigen
Technik, die über einen gewissen Grad hinaus
die Annäherung an die Natur verbietet. Ihre
Illustration wirkt immer noch in erster Linie
als Buchschmuck, als Flächenkunst im Sinne
des Kunstgewerbes. Sie gibt diesen Dar-
stellungen wenig räumliche Tiefe und drängt
sie nach Art eines Bildteppichs oder besser
noch eines Glasgemäldes möglichst in eine
Ebene zusammen. Was die Darstellungen
dadurch an Raum und Naturwahrheit ver-
lieren, gewinnen sie auf der anderen Seite
durch Stimmungsgehalt und durch Harmonie
mit dem Schriftbilde. Miss Kings Illustration
steht nicht als etwas völlig Fremdes zwischen

König Artus Tafelrunde,
Mären von abenteuerlichen
Heldenfahrten und schwer-
mütigen Amuren sind ihre
liebsten Gegenstände. Der
Sehnsuchts-Stimmung und
der schwärmenden Märchen-
melancholie solcher Dich-
tungen wird die neuenglische
Illustration aus innerer Ver-
wandtschaft vollauf gerecht.
Das Bindeglied heißt Ro-
mantik. — Auch Jessie M.
King gehört der Romantik
an. Sie hat die romantische
Subjektivität, sie hat ihre
ausschweifende Phantastik,
ihre Schwermut und ihren
lyrischen Grundton. Ihre
Art der Stilisierung ist
ebenso romantisch wie ihre
Neigung zur Verinnerlich-
ung. Wir werden berichtet,
daß Miss King erst durch
den Anblick des alten Nürn-
landschaftlichen den bedruckten

JAMPfittB

JESSIE M. KING. »Exlibris«.

Besitzer; James Begg— Buenos-Ayres.

Seiten des Buches da. Sie
hat vielmehr von den Lettern ein wenig
Starre, ein wenig Tod geborgt und dient
damit der Einheitlichkeit des Gemeinsamen,
das Druck und Illustration verbindet: des
Buches. Wolken, Blumen, Nebel, Bäume,
all das wird zum Ornament und bewegt sich
ganz nach ornamentalem Rhythmus. Mit
Staunen sieht man z. B. auf einer unserer
Abbildungen, was unter der Hand dieser
Künstlerin das Meer geworden ist. Die
Wellen scheinen anstatt Schaum, Geschmeide,
Perlen, Smaragden und Saphire aufzuwerfen.
Und selbst wenn man dieser Ideenverbindung
wehrt, will uns der Wogenschaum, der sich
über die Kämme der Brandung kräuselt,
immer noch mehr an die pikanten Spitzen-
dessous einer eleganten Frau gemahnen, als
an das, was er wirklich ist. Der dekorativ-
stilistische Einschlag dieser Kunst bringt es
ferner mit sich, daß die Künstlerin auf die
Individualisierung der dargestellten Persön-
lichkeiten gar keinen Wert legt. Kaum,
daß sie einen Unterschied zwischen männ-
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