Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 19.1906-1907

Seite: 168
DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1906_1907/0174
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
Zur Förderung der Volks-Kunst

franz lkbisch—wien.

Entwurf.

daß unsere Industrie Gebrauchs-Gegenstände in
einfachen konstruktiven Formen, in solidem, aber
billigem Material — gutes Föhrenholz ist, z. B.
sicher empfehlenswerter als schlechtes Mahagoni-
Furnir! — zu "m niedrigen Preisen auf den Markt
bringt. Stelle man in immer größerem Maße
die moderne Maschinentechnik in den Dienst der
modernen Kunst! Hier gibt es noch viel zu tun
— und auch viel Geld ist hier zu verdienen für
den, der es richtig anfängt.

Die Durchdringung des Volks mit der Kunst,
die Volkskunst ist eine überwiegend wirtschaft-
liche Sache. Darum ist sie auch den wirtschaft-
lichen Gesetzen von Angebot und Nachfrage
und von der zunächst erfolgenden Befriedigung
der dringendsten Bedürfnisse unterworfen. Man
sagt zwar, daß wir heute in einer Periode wirt-
schaftlichen Aufschwungs leben. Die Statistiken
zeigen ja wachsende Ziffern für Ein- und Ausfuhr,
für Einkommen und Vermögen. Aber es steigen
auch die Preise der Lebensbedürfnisse, es steigen
auch die Anforderungen an die materielle Lebens-
haltung. Eine höhere materielle Lebensführung

168

ist aber eine unerläßliche Vorbedingung für das
Eindringen der Kunst in die breiten Volks-
schichten — sie muß den Boden urbar machen,
auf dem die Saat höherer Kultur einst aufgehen
und Früchte tragen soll. Andererseits aber redu-
zieren diese höheren Ansprüche auch die für die
Befriedigung ästhetischer Bedürfnisse disponibel
bleibenden Mittel, und so kann der Fortschritt
in der Nachfrage nach kostspieligeren Kunst-
erzeugnissen nur ein sehr langsamer sein. Daher
muß das Angebot sich diesen Verhältnissen, die
nun einmal nicht zu ändern sind, anpassen. Die
Aufnahmefähigkeit des Marktes für wirklich schöne
Erzeugnisse kunstgewerblichen Charakters ist vor-
handen. Die wirtschaftliche Lage der großen
Mehrzahl der Konsumenten ist aber nicht der-
artig, daß diese den Widerstand der höheren
Preise, die für »moderne« Sachen ohne rechten
Grund verlangt werden, leicht überwinden könnten.
Das kann erst anders werden, wenn die Er-
kenntnis auch in produzierenden Kreisen Gemein
gut wird, daß die Schönheit keine Modefrage,
sondern eine Kultursache ist. chr. grotewold.
loading ...