Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 19.1906-1907

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Bildhauer J. Bossard—Friedenau.

ganz vorn am Eingang stehen ein paar gute
Steine aus dem achtzehnten Jahrhundert, in
den Alleen bis tief hinunter, wo das Mau-
soleum steht, geht man mitten durch die
charakterlosesten Fabrikate der Steinmetz-
werkstätten. Bossard war die Aufgabe gestellt,
für die Privatkapelle, die über der Gruft liegt,
die plastische Ausschmückung zu schaffen.
Es ist ein kleiner Kuppelraum, in dessen Apsis
er einen altarähnlichen Aufbau mit einer
Pieta stellte, die Öffnung der Nische rechts
und links flankieren die zwei gleichen Ge-
stalten bronzener Engel, die einen Lichter-
kranz über dem Haupt halten. In vier
Pfeilernischen des eigentlichen Kuppelraumes
sind die sitzenden Gestalten der vier Lebens-
alter angebracht: das Kind als Ganymed,
den Adler auf der Schulter, der Jüngling,
der vorsichtig und leise die Saiten anklingen
zu lassen versteht, der Mann im Vollmaß
seiner Kräfte und die gebückte, nachsinnende
Greisengestalt. Man muß dieses Mausoleum
gesehen haben, um aus dem Vergleich mit
den Arbeiten in farbenglühender Fayence
die Skala des Ausdrucks und die Beherrschung
der Materialien bei Bossard zu ermessen.
Er ist ein tiefer und wunderbar ruhiger Be-
obachter der menschlichen Physiognomie,
die ganze Bewegung und Haltung spiegelt
sie wieder und nirgends sind die gewissen
leeren Stellen und verlegenen Behelfe zu
entdecken. Dabei ist jede einzelne Gestalt
über das Individuelle weggehoben, nirgends
die Detailerfahrung zur Schau gestellt, und
doch fühlt man deutlich, welche ungeheure
Summe davon verarbeitet worden ist, ehe es
zu diesen lebensvollen Verallgemeinerungen
kommen konnte. In dieser Hinsicht sehe
ich die Gestalten des Mausoleums als die
größten Resultate an, zu denen es Bossard
bisher gebracht hat. Er ist sonst gewiß
weit davon entfernt, sich als Schüler Adolf
Hildebrands zu fühlen, aber in der Dar-

stellung des schlechthin Plastisch-Typischen
ist er auf verwandten Wegen und kommt
seinen Zielen so nahe wie ihre große Ver-
schiedenheit es nur irgend zuläßt.

Das Ergebnis imponierender Selbst-
zügelung ist alles, was der Plastiker Bossard
schafft, das erkennt man vor seinen graphischen
Werken. Im Augenblick des Hantierens
mit Bronze, Stein und den gewaltigen Massen
der Fayence läßt er die reißende Bewegung
der Phantasie in sich erstarren, die wild in
seinen beiden Zyklen: »das Jahr« und »die
Tragödie des Daseins« tobt. Gegen sie er-
scheint alles andere, das unter der zeichnen-
den Feder oder auf dem lithographischen
Stein heutiger Künstler entstanden ist, zahm
und lyrisch. Das Ganze ist ein ungeheurer
Fries wild bewegter, orgiastischer Gestalten,
eine nordische wilde Jagd und in der Zeich-
nung, in den ehern scharfen, wie mit dem
Meißel geschnittenen Konturen, man möchte,
wenn nicht jeder Vergleich falsch sein müßte,
sagen, ein toll gewordener Mantegna. Dazu
dieses strahlende Höllenrot, der grellste
Spiegel einer wilden Phantasie. Man wünscht
sich diese Gestalten — mag einem der
geistige Inhalt des Ganzen auch fremd und
gewaltsam erscheinen — zum Fresko ver-
größert, an der Wand zu. sehen.

Vielleicht daß Bossard einmal zu einer
solchen bedeutenden Aufgabe kommt.

Ich kann zum Schluß nur den Wunsch
wiederholen, daß Bossard von nun ab ein
ruhiger und in der Stille verlaufender Weg
gegönnt sei. Denn dafür, daß die laute
Aktualität auch große Talente zum Still-
stand bringt, hat man in Deutschland
modernste Beispiele genug. Ich bin sicher,
daß, wenn von nun an seine Werke da und
dort gesehen sein werden, sein Name nicht
mehr vergessen werden und die Teilnahme
für ihn nicht mehr aufhören wird. Er wird
sie sicher nicht enttäuschen. Dr- fritz wolff.
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