Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 19.1906-1907

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M. H. 'Beulte Scott-Bedford.

M. H. BAILLIE SCOTT—BEDFORD.

finden, der Verfasser spricht sich aber scharf
genug an verschiedenen Stellen seines Textes
gegen diese Sucht nach Modernem aus, die
in den letzten Jahren allerorten umging.
Ebenso sehr verurteilt er natürlich auch das
Streben, in einem bestimmten Stile zu bauen.
Treffend sagt er: Die Verfolgung eines be-
stimmten Stiles, sei es eines alten oder des
neuen, muß wie die Verfolgung der Glück-
seligkeit zur Enttäuschung führen. Beides
sind ausgesprochenermaßen Nebenprodukte
und die Qualität dieser Nebenprodukte steht
im direkten Verhältnis zum Werte des
Hauptproduktes. Und weiter sagt er: Stil
ist eine Qualität der Arbeit, die der Blüte
ähnelt. Sie kann nur erzielt werden durch
Wurzelkultur.

Interessant sind die vielfachen Exkurse
im Text, die die jetzt in England hier und
da zu beobachtende Neigung bekämpfen,
auch große Landhäuser wie Bauernhütten
zu gestalten. Die Vorliebe für das Ländliche
ist in England heute schon so weit gedrungen,
daß derartige Warnungsstimmen erhoben
werden müssen. — Vielleicht am an-
ziehendsten und besonders auch für den

Salon eines Landhauses.
Aus dem Werke: »Houses and Gardens«.

Laien am verständlichsten sind die zahl-
reichen Innenansichten, die Baillie Scott
aus seinen ausgeführten Bauten und Ent-
würfen gibt. Man bemerkt hier seine große
Vorliebe für primitive. Gestaltungs- und
Dekorationsmotive, die aber dennoch durch
persönliche Empfindungswerte bis zur
höchsten poetischen Wirkung gesteigert
sind. Ganz besonders freudig und poesie-
voll ist seine Farbengebung. Er versteht
es, die Farbengedanken, die er in die Wirk-
lichkeit umsetzen will, in einer ebenso ein-
fachen als eindrücklichen Weise in Aquarell-
skizzen niederzulegen. In den reicheren Bei-
spielen ist mit Dekor nicht gespart und ge-
wissermaßen eine Blüten- und Farbenpracht
über den ganzen Innenraum ausgegossen.
In den einfacheren Beispielen jedoch ist er
äußerst zurückhaltend. Und im Text kommt
er häufig darauf zurück, mit dem Dekor
aufs äußerste sparsam umzugehen. Er sagt
mit Recht, daß es besser sei, kein Ornament,
als solches aus unkünstlerischer Hand an-
zubringen und verurteilt aufs schärfste die
quadratmeterweise gelieferten Ornamente
des Stubenmalers und des Stuckateurs. »Im

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