Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 19.1906-1907

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Wilhelm Michel: Etwas über Bilder-Rahmen.

Rahmensorten zur Verwendung kommen.
Eine deutsche psychologische Zeitschrift hat
vor einigen Monaten einen Bericht über
Experimente veröffentlicht, welche diese
Frage klarstellen sollten. Es hat sich dabei
ergeben, daß durchgehends diejenige Rahmen-
farbe vorgezogen wurde, die dem Hauptton
des Bildes am nächsten stand. Freilich war
das Beobachtungsmaterial insoferne höchst
mangelhaft, als es nur aus farbigen Repro-
duktionen von Gemälden bestand. Daß sich
aber Reproduktionen hinsichtlich des Rah-
mens ganz anders verhalten als Gemälde, haben
wir oben gesehen. Nehmen wir aber trotz-
dem einmal das Resultat dieser Experimente
auf Treu und Glauben hin, so ergibt sich
daraus für das Verhältnis zwischen Bild und
Rahmenfarbe die Regel der Harmonie. Sie
trifft tatsächlich in vielen Fällen zu. So
haben unsere modernen Licht- und Hell-
maler mit Vorteil Weiß als Rahmenfarbe
verwandt, so nehmen sich helltonige Bilder
in einem silbernen Rahmen ganz vorzüglich
aus. Vielen Besuchern der Münchner Pina-
kothek ist schon aufgefallen, wie prächtig
sich Altdorfers warmtoniger St. Georg in

seinem dunkelgebeizten Holzrahmen aus-
nimmt. Schwieriger ist es, das Verhalten
von Gold und Schwarz genau zu bestimmen.
Hier wird sich die Norm der Übereinstim-
mung nicht durchgehends anwenden lassen.
Man findet oft, daß ein goldener Rahmen
den gelben etc. Tönen des Bildes gefährliche
Konkurrenz macht, und keinem Künstler
wird es einfallen, einem Gemälde von vor-
herrschend tiefen Tönen einen schwarzen
Rahmen zu geben. Gold und schwarz
scheinen eher im Kontrast zum Bildton ver-
wendet werden zu müssen. Es ist wahr-
scheinlich, daß alledem, was hier zum Kapitel
Farbe zu sagen war, ein Gesetz zu Grunde
liegt, unter das alle Einzelfälle einzuordnen
sind. Dieses Gesetz zu finden, kann aber
nur Aufgabe eines Künstlers sein. Denn
dem Laien mangelt es naturgemäß am
Nötigsten, nämlich am Beobachtungsmaterial.
Die Praxis freilich bedarf der theoretischen
Formulierung dieses Gesetzes nicht so sehr.
Aber der Wissensdrang verlangt, daß wir
uns auch über solche Dinge Rechenschaft
geben, die unbewußt oder gefühlsmäßig vor
sich gehen. Wilhelm michel—München.
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