Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 19.1906-1907

Page: 514
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1906_1907/0419
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Karl Widmer—Karlsruhe:

FRUHUNGSFEST

ZVA BESTEN DES E

wöACTENcfsOBÄFEN
vn>wB^dbö»FEN

U5ABETHEN-VEREINB5
ö^ö-7ETTEIMHi««jI«wiz
/MNNEBERö bar&öe

^28 2Q-30-^AI

H. BEK-GRAN—NÜRNBERG.

das Innere, dann das Außere! Für das Innere
ergab sich daraus eine Reihe von praktischen
Verbesserungen der Raumeinteilung und Raum-
gestaltung. Diese Bauweise bindet an kein Schema,
wie es die Rücksicht auf eine symmetrische Fassade
verlangt. Sie läßt freie Hand für einen behag-
lichen Ausbau der Zimmer durch bewohnbare
Frker, sie ermöglicht eine zweckmäßige Einteilung
der Fenster u. dergl. Der äußeren Architektur
verleiht sie den künstlerischen Vorzug einer zu-
gleich malerischen und für die Bestimmung des
Hauses charakteristischen Erscheinung. Sie mas-
kiert das Haus nicht mit den Formen eines über-
tragenen Monumentalstils. Form und Inhalt sind
Eins.

Freilich ging man dabei in der Freude am
Gruppieren vielfach über das Maß des Notwen-
digen hinaus. Die Verführung war zu groß, als
daß nicht auch um des malerischen Reizes willen
mit der Unregelmäßigkeit kokettiert worden wäre.
Man übersah, daß die vollendete Unregelmäßig-
keit auch im Mittelalter eigentlich nur für Burgen
und Festungswerke charakteristisch ist. Das
Bürgerhaus mußte sich schon als eingebautes
Fassadenhaus in die Grundform der Symmetrie
einfügen; die Unregelmäßigkeit tritt mehr in den
Einzelheiten auf: an Fenstern, Erkeranbauten u.
dergl. Und auch da nie als Selbstzweck, sondern
nur wenn sie notwendig war. Man war also

doch wieder in den Burgenstil hineingeraten, was
sich auch in der Vorliebe für aufgebaute Ecktürme,
übertrieben massive Mauern und dergl. äußerte.
Auch konnte sich diese Freude am malerischen
Bauen nur an verhältnismäßig teuern Wohnhäusern
betätigen: an den freistehenden Einfamilien-
häusern der Villenviertel, im Innern der Stadt
allenfalls an Eckhäusern. An der Mehrzahl aller
heutigen Wohnhäuser, an den einfrontigen Etagen-
häusern verboten sich die malerischen Absichten
meistens von selbst.

Überhaupt lag in dieser stark betonten Neigung
zum Malerischen ein romantischer Zug, der
eigentlich dem Geist unserer Zeit fremd ist. Eine
Fülle von Anregungen war gegeben, und der
starke Gehalt an persönlicher Empfindung und
künstlerischer Phantasie, durch den sich die besten
dieser Häuser auszeichnen, beweist, daß man
nicht nur praktisch, sondern auch künstlerisch
einen entscheidenden Schritt vorwärts gekommen
war. Die akademische Nüchternheit war über-
wunden, der schöpferischen Gestaltungskraft war
freie Bahn geschaffen. Es galt, die gewonnenen
Resultate festzuhalten und doch ein gewisses
Überschäumen künstlerischer Formfreudigkeit
zurückzudämmen.

In dieser Richtung ist in neuester Zeit in
der Tat eine deutliche Reaktion gegen das Allzu-
malerische eingetreten. Man fängt auch bei
Villen und Landhäusern wieder an, einfacher zu
bauen; das Haus in eine ruhigere, geschlossenere
Grundform zu bringen. Das macht sich auch
für die innere Anlage vorteilhaft geltend. Denn
eine Wohnung ist um so bequemer, je einfacher
und konzentrierter der Grundriß ist. Und je
einfacher und konzentrierter damit die architek-
tonische Erscheinung des Hauses wird, desto
größer wird zugleich die künstlerische Einheit
des Innern und Äußern. Der Geist, der den
modernen Innenraum beherrscht, ist der Geist
zweckbetonender Sachlichkeit: Beschränkung alles
dessen, was als nutzloser Zierat Raum und Fläche
belastet, was als Form um der Form willen die
Klarheit des konstruktiven Zweckgedankens ver-
dunkelt. Das gilt vom Möbel und Gerät, wie
von der Wand. Die Schönheit liegt in den Ver-
hältnissen der konstruktiv bedingten Linien und
Flächen. Es ist die natürliche Folgerung, daß
der gleiche Geschmack auch am Äußern des
Hauses durchdringt. Die Aufgabe des Baumeisters
ist nicht die, an einem bürgerlichen Wohnhaus
»Architektur« zu machen, sondern den in der
Bestimmung des Hauses gegebenen Gedanken
schlicht und natürlich auszudrücken. Es scheint,
daß damit das Biedermeierhaus wieder einen
stärkeren Einfluß auf die moderne Wohnhaus-
architektur gewinnt. Zwar hat die Baukunst die
historische Grundlage einer einheitlichen Stil-
loading ...