Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 21.1907

Page: 226
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1907_1908/0239
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Ein neues Grabmal von Hermann Obrist.

und aufzunehmen, was geboten wird, sondern
mit Begriffen, vorgefaßten Meinungen, fertigen
Maßstäben. Dabei kann nichts gutes heraus-
kommen.

Hermann Obrist verwendet den Stein zur
Charakterisierung des jeweiligen Zweckgedankens.
Er hat dabei die Entdeckung gemacht, dag der
Stein, was seine konstruktiven Notwendigkeiten
anlangt, ein äußerst schmiegsames Material ist,
das dem Künstler viel mehr Freiheit läßt, als
beispielsweise das Holz dem Möbelzeichner geben
kann. Er nürjt diese Freiheit aus, mit Bewußtsein
und Absicht, und dieses Verlassen der Tradition
befremdet. Er hat auf diese Weise bis jetjt zwei

größere Werke hervorgebracht, die seinenGedanken
in vollkommener Art repräsentieren, zwei Qrab-
mäler, deren eines hier im Bilde vorgeführt wird.
Obrist erfüllt den Stein mit Drama und Bewegung;
er läßt ihn sprechen, sich stofflich in jeder Weise
enthüllen, er läßt ihn einschließen, streben, wachsen,
greifen und umklammern. Der Oesamteindruck
ist ruhig und feierlich, jeder Gedanke leicht nach-
zudenken, jede Form in ihrem Sinne sofort zu
erkennen. Keine Frage, daß dieses Grabmal,
nach Beseitigung einiger Unvollkommenheiten,
die unterlaufen sind, zum Besten zählt, was die
neue Bewegung auf diesem Gebiete erzeugt hat.

. WILHELM MICHEL—MÜNCHEN.

226
loading ...