Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 21.1907

Seite: 248
DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1907_1908/0259
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
Robert Breuer— Wilmersdorf:

PROFESSOR FRANZ METZNER.

VON ROBERT BREUER.

Wenn ein ernsthafter Mensch sich ent-
schließt über einen einzelnen Künstler
nachzudenken, so kann dies nur geschehen,
weil der ernsthafte Mensch von dem Künstler
ergriffen und erregt wurde. Ein die Alltäg-
lichkeit durchbrechendes und aus dem ge-
wohnten Niveau aufragendes Erlebnis lockt
den Theoretiker auf die Spuren des Einzelnen.
Damit ist von vornherein festgestellt, daß
dieser Künstler ein Außergewöhnlicher ist,
eine Persönlichkeit, die sich gegenüber den
Problemen der Allgemeinheit und deren Ent-
wicklung zu behaupten weiß. Das bedeutet
viel, denn eine in ihren fundamentalsten
Empfindungen soziologisch gerichtete Zeit er-
forscht und pflegt des Einzelnen nur dann,
wenn sie von ihm und seiner Art einen Strom
der Fruchtbarkeit für sich und ihre Genossen
erwartet. Somit ist der Künstler, der Mittel-
punkt einer Abhandlung wird, ein Kronen-
träger. Er ist und bleibt ein Kronenträger
aus eigenem Recht und durch Erkürung
der Kundigen — wie die Diskussion sich
auch immer gestalte. — Die Absicht einer
solchen geistigen Aussprache kann aber nur
dahin gehen, den erlesenen Künstler und sein
Werk nach Herkunft und Ziel zu analysieren,
das Geheimnis der besonderen Wirkungsart
nach Möglichkeit zu lösen, und schließlich
dahin: Grenzen abzustecken. Diese letzte
Verrichtung wird zuweilen an den Stolz des
Künstlers rühren; er sollte dann nie ver-
gessen, daß solche Grenzregulierung schon
darum eine Ehrung ist, weil es sich verlohnt,
sie vorzunehmen.

* * *
Mannigfach ist die Art, wie Kunstwerke
betrachtet sein wollen. Und da hier alles
auf Wechselbeziehung zwischen dem Be-
schauer und dem zur Schau stehenden Objekt
beruht, so sind der Annäherung dieser beiden
prinzipiell feindlichen Pole Hemmungen ge-
setzt. Es gibt für jeden Menschen bestimmte
Kunstwerke, zu denen er kein Verhältnis
finden kann; es gibt Kunstwerke, die nur
von bestimmten Menschen betrachtet sein
können. Es läge nahe, zu sagen: das Maß
der Schwierigkeit, ein Kunstwerk anschauend

zu erfassen, wäre ein Gradmesser für die
Größe dieses Werkes. Diese Meinung kann
aber ebenso richtig wie falsch sein. Artisten-
kunst, geschmacklich überfeinerte Dekadenz
wird von der Volksmenge abgelehnt, glatt
übersehen; diese Mißachtung ist gewiß kein
Wahrzeichen für die Größe solcher Finger-
spitzentänze. Süßer und melancholischer
Kitsch wird von der Masse begehrt; niemand
wird darum von Kunst reden. Das Nach-
laufen oder die Verstocktheit des großen
Haufens ist darum noch kein Beweis für den
Wert oder Unwert eines Kunstwerkes. Man
kann nun wohl behaupten, daß das Urteil an
Sicherheit zunimmt nach dem Maße der Bil-
dung des Richters. Aber auch der Spruch
des Sachkenners, des historisch und ästhetisch
geschulten Fachmannes, dessen, der vieles
gesehen und mehr im Innersten erlebt hat,
kann keine absolute Gültigkeit für sich bean-
spruchen. Alles Kunsturteil ist im höchsten
Grade subjektiv und im letzten Sinne nichts
als die auf eine Formel gebrachte Aussage
von Erregungen der Sinne und der Seele
eines bestimmten Menschen durch ein be-
stimmtes Kunstwerk. Somit kommt es schließ-
lich darauf an, daß der Künstler Menschen
findet, die ihm optisch und geistisch ver-
wandt sind, die darum allein die Fähigkeit
haben, überhaupt zu erfassen, worauf es
in diesem oder jenem Werke ankam:
das Künstlerische, das Problem. Aber
selbst angenommen, der Künstler fände nicht
einen einzigen Kongenialen, nicht einen ein-
zigen schüchternen P'reund, so wäre damit
noch nicht das Geringste über den Ewigkeits-
wert seines Schaffens gesagt. Allerdings,
ebensowenig darf aus der allgemeinen Ab-
lehnung nun ohne weiteres auf wahrhaftige
und sich einst mit Sicherheit entfaltende
Größe geschlossen werden. So ist also die
Kunstkritik etwas wie ein Ringelreihspiel,
wie ein Haschen von Seifenblasen. — Diese
Gedanken stellen sich ein, reihen sich wie
eine Mauer und eine abweisende Warnung,
wenn etwas über Franz Metzner gesagt sein
soll. In wilden Sprüngen schwankt das Urteil
auf und nieder. Die Menge mag ihn nicht;

248
loading ...