Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 21.1907

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Der Garten als Wohnraum.

DER GARTEN ALS WOHNRAUM.

/"Jartenwohnen, Gartenleben überhaupt, scheint
^* mir, wird lange nicht mehr seinem hohen
Werte nach geschäht und wo's geschieht, da
wird es meistens nicht verstanden — auszuüben.

Gartenleben bewußt zu genießen ist, seine
volle ethische Bedeutung erkennen. Nur wer
das Herz sich warm erweiten fühlt, wen wohl
die Brust ein unnennbares Glücksgefühl durch-
strömen kann in seinem Garten, nur der lebt in
ihm. Dem wird sein Garten geben, was er immer
sollte: Sammlung und sittliche Kraft — Erhöhung
seines Menschentums.

Unsere Altvordern — um unsere leßten guten
und allgemeiner bekannten Gärten zu streifen
- widmeten, inmitten der Familie, einen be-
trächtlichen Teil ihrer Zeit dem Garten. Der
war, von Hecken und schürendem Gemäuer
traulich eingeschlossen, architektonisch gebildet,
ein Wohnraum. So wohnten sie in ihrem
Garten, in welchem Blume, Strauch und Baum,
mit feinem Sinn einander beigesellt und liebe-
voll gehütet, durch Erinnerung und stetes Neu-
erleben, jedwedes einen Plaß in ihrem Herzen
hatte. Was müssen solche Stunden heimelichen
Umgangs mit der so heiter-schönen Welt jener
Gärten für die Menschen, für die Völker bedeutet
haben, die sie besaßen, wenn die Empfindsamen
der Heutigen noch beim Anblick uns erhaltener
Reste ein machtvolles Sehnen nach Glück und
Reinheit überkommen will! Das aber erfüllt
unsere herrschende Gartenkunst nimmermehr.
In unsern Gärten jetjt kann man nicht wohnen,
kann man nicht glücklich sein!

Der Garten kam herunter, als wir begannen,
seines Wesens besten Teil, seinen architektonisch-
räumlichen Charakter zu vergessen. Fast jedes
der großen Kulturvölker hat, wie die Geschichte
zeigt, eine blühende Gartenkunst geschaffen. Bei
allen fast der gleiche gesunde Aufstieg vom
lapidaren, rein zweckmäßigen Nußgarten zu dem
in Form und Farbe mehr oder minder fein
differenzierten Zier- und Wohngarten auf geo-
metrischer Basis. Denn, der ursprüngliche Nuß-
garten ist notwendig immer geometrisch und
logisch müßte da sein konsequenter Ausbau
immer zum architektonischen Bilden führen,
zum architektonischen Garten, der dann durch
Klima, Sitten und Begabung eines Volkes mit-
bestimmt, in wunderfeinem Spiegel seine Seele
zeigte. Die Gärten der Ägypter, Hellenen und
Römer, die maurischen Gärten, die Gärten der
Renaissance und der Franzosen unter Ludwig XIV.,
die deutschen Gärten der werdenden Städte, die
Burgen-, die Klöster- und die Bauerngärten —
alle waren, und sind sie zum Teil noch, nach
tektonischen Gesehen räumlich aufgebaut.
Und wenn die alten Perser sich landschaftliche
„Paradiese" schufen und die Chinesen, denen

wir unsere „natürlichen" Gärten danken, noch
heute Landschaften imitieren, so sind das un-
zweifelhaft Zeichen der Begrenzung, mit Symptome
kulturellen Niedergangs. Was wissen wir denn
von der Gartenkunst des Sonnenreiches vor
Jahrtausenden! Bei allen diesen Völkern haben
ja früher oder später Berührungen untereinander
stattgefunden, die ein strenges Scheiden des
Gewachsenen vom nur Übernommenen hindern,
aber wer kann wohl den Urvölkern Mexiko's und
Peru's ihre schönen architektonischen Gärten ge-
schaffen haben, von denen uns die Conquistadoren
begeistert erzählen?! Jede gesunde kulturelle
Entwicklung führt, unter anderem, eben auch
zum architektonischen Gartenbilden.

Und wir, wir fühlen noch heute unmittelbar
oder doch mittelbar auf so vielen Gebieten
unserer sinnlichen Betätigung das ewig pulsierende
Leben jener längst entschwundenen Kulturepochen
und zehren davon — nur deren einen, hochent-
wickelten Zweig haben wir verloren: den schönen,
vielbesungenen Garten.

Das Schicksal ist gerecht: Wir missen ihn
mit anderen Gründen deshalb, weil wir das
allen, im Ausdruck noch so getrennten Garten-
typen bis in die leßte Zeit Gemeinsame,
das ausgesprochen Räumliche mit
leichtem Sinn verachtet haben! Und wenn wir
sehen, wie sich's allmählich steigend regt, wie's
überall mit Wort und Tat zur Umkehr ruft, was
ist's im lernten Sinne mehr als die Erkenntnis
jenes Unterlassens, und alle praktischen Versuche
im neuen Gartenbilden, was sind sie schließlich
anders als ebensoviel Experimente zur leuchten-
den Aufgabe: Wiederbelebung der alten,
schönen Gartenräume im neuen Geiste!

Räume aber müssen nach tektonisch-bau-
lichen Geseßen gebildet sein, das bedarf keiner
Erklärung. Also auch im Garten. Deshalb ist
der Begriff vom Gartenraum von dem des geo-
metrisch-architektonischen Gartentypus nicht zu
trennen ; er ist mit ihm identisch.

Es ruft zur Umkehr! Wir wollen wieder
lernen, den Rhythmus architektonischer Linien
auch im Garten zu erfühlen, wieder lernen in
ihm zu leben, in ihm zu wohnen. Dann aber
holt sie flugs heran die hegenden grünen Hecken,
her die sicheren, rankenumkosten Gartenmauern,
hinter deren Schuß nur, unbeobachtet, unge-
zwungenes Familienleben sich entfalten kann.
Schafft wieder ehrliche, gerade Wege und weite
Pläße in euren Gärten, damit ihr nicht zu taumeln
braucht. Und als Wichtigstes: bringt Blumen
und Grün wieder zu Recht, d. h. jedes an einen
Ort, den seine Eigenart verlangt, bestimmt weise
Art und Zahl - baut wieder rhythmisch gliedernd,
denkend mit dem schönsten aller Materialien,
baut bewohnbare Gärten, Wohngärten!

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