Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 22.1908

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DAS KÜNSTLERISCHE IN DER KUNST.

VON ROBERT BREUER — BERLIN-WILMERSDORF.

Die verschiedenen Arten der künstlerischen
Darstellung erstreben jede in ihrer speziellen
Weise bestimmt umgrenzte Effekte. Eine ge-
nauere Untersuchung zeigt die Wesensgleich-
heit des die jeweilige künstlerische Wirkung
verursachenden Elementes-, eine zwar variable,
aber in sich bestimmte Größe muß zu einem
Naturprodukt, einem Naturmotiv, hinzu addiert
werden, um das Kunstwerk entstehen zu lassen.
Wir sind auf der Spur des Künstlerischen in
der Kunst.

Welcher Art ist der Koeffizient, der die
Natur zum Kunstwerk erhebt? Denn um
eine Erhöhung handelt es sich, um eine Ver-
edelung, eine Heraufzüchtung. Das Kunst-
werk ist mehr als das Naturprodukt, die
Gruppe der Tyrannenmörder mehr als zwei
Zirkusathleten. — Das scheint fürs erste nicht
zu stimmen. ' Einem gemalten Wald mangelt
außer der Räumlichkeit, der Beweglichkeit,
das Vermögen. neben dem Gesicht auch
andere Sinne zu erregen: den Geruch durch
den Duft des Wacholders, den Tastsinn des
über die Moosdecke gleitenden Fußes, der
vom Wind umfächelten Stirn, den Geschmack
der Beeren schmausenden Zunge. Statt dessen

hängt in einen Rahmen gespannt »ein Stück
Leinwand, das nach Ölfarbe riecht«. Und
dennoch, die menschliche Seele wird kräftiger
und unmittelbar durch das Bild in Schwingung
gesetzt. Das große Paradoxon von
der Mehrwirkung des Kunstwerkes
als einer Verminderung des Natur-
objekt e s 1 ö s t s i c h aulunter dem Ge-
sichtspunkt der Konzentration in
irgend einer bestimmten Richtung.
Diesbezüglich nicht dienende Bestandteile
werden ausgeschieden; zu einem Akkord zu-
sammenklingende Einzelheiten werden höher
gewertet. Dieser Prozeß geht vor sich, wenn
eine Persönlichkeit über die Welt gerät und
durch Schöpferkraft aus der Vielfältigkeit das
Einheitliche, das Geschlossene entstehen läßt.
Menschliche Seele ist es, was das Kunstwerk
gegenüber der Natur an sich sein eigen nennt.
»Ein Stück Natur, gesehen durch ein Tem-
perament« (Zola). Dies Stück menschlicher
Seele wiegt zehnfach all das auf, was von
der Natur geopfert werden muß, das Kunst-
werk entstehen zu lassen. Völlig abgesehen
von dem, was dargestellt wird, wie auch von
der Technik, mit deren Hilfe die Darstellung

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O. KAUFMANN
BKRLIN.

WANDLAMPEN
IM KASSENRAUM.
MF.SSING GETRIEBEN

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