Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 24.1909

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Die Arbeit der Kunstgewerbe- Vereine.

solche Ungeschicklichkeit nicht abhalten lassen,
auch weiterhin unsere Pflicht zu tun; ja, wir
wollen sogar, falls der Vorschlag Groß Wirklich-
keit wird, willig helfen, daß die schwierige Auf-
gabe möglichst gut gelöst werde. Das heißt, wenn
man uns haben will. Künstler und Künstlergenossen!
ich spreche nicht für mich, noch für meine
Freunde. Aber: Eine Zeitschriften-Kommis-
sion, eine Kommission für die Herstellung
einer Serie von Monographien, eine lite-
rarische Kommission, in der kein Schrift-
steller, kein Verleger von Ruf sißt, kann
nur taube Früchte tragen.

Als ein wirksames Mittel der Propaganda
wurden im vorigen Jahre Wanderausstellungen
beschlossen. Die Erfahrungen der ersten Kam-
pagne waren im allgemeinen zufriedenstellend;
München, Krefeld und Pforzheim hatten kollektiv
Ausstellungen zirkulieren lassen. Auch fernerhin
soll bei dieser Praxis geblieben werden; damit
aber die Qualität und der künstlerische Wert
dieser als mustergültig sich gerierenden Vor-
führungen gesichert bleibe, wurde ein dem-
entsprechender Antrag des Professors Scharvogel
angenommen. Des weiteren beschloß man, daß
künftighin Schülerarbeiten in diesem Zusammen-
hang nicht mehr ausgestellt werden sollen. Dieser
Beschluß scheint mir nicht glücklich, ja geradezu
gefährlich. Manche Orte dürften ohne Schüler-
arbeiten eine Ausstellung überhaupt nicht zu-
sammen bekommen; und dann: es gibt genug
Städte, ja selbst Kunstgewerbeschulen, die allein
durch ihre Schülerarbeiten Beachtung verdienen.
Es gibt Lehrer, die wohl moderne Formensprache
lehren können, die aber selbst im Bann der alten
Zeit stehen. — Ein weiteres Gebiet der Erziehung
von Produzenten und Konsumenten wurde durch
Professor Heinrich Lange, den Direktor
der Krefelder Färbereischule, aufs neue der Auf-
merksamkeit empfohlen: die Echtfärberei. An
einer wohlsortierten Sammlung zeigte Lange die
immer noch alltäglichen Schäden einer mangel-
haft echten Färberei. Er gab zugleich die be-
ruhigende Versicherung und den Nachweis, daß
man sehr wohl heute den verschiedenen An-
forderungen der Echtheit so für Garne und Seiden,
wie für Stückware, für Papier und Leder genügen
könne. Erforderlich ist, daß alle Kunst-
gewerbler unbedingt auf die jeweilig

notwendige Echtheit ihrer Materialien
dringen. Sehr interessant waren die Batik-
färbungen, die Lange zeigte; klare und milde
Töne, gleichmäßig schön und echt. — Ein viertes
pädagogisches Thema behandelten die Referate
über die mögliche Mitwirkung der Kunstgewerbe-
vereine am Denkmalsschut3 und am Städtebau.
Es gibt da Möglichkeiten; es ist auch wünschens-
wert, daß der oft einseitigen Architektenzunft
tüchtige Kunstgewerbler, noch besser Kunst-
freunde mit wirklich lebendigem Empfinden,
assistieren. Besonders für den Denkmalsschuß
und die Renovationen gilt dies. Ein Architekt
wird, wenn er ein gefährdetes Stück Altertum
schüßen soll, notwendig an ein Erneuern denken,
er will eben bauen. Ihm einen ästhetischen
Hemmschuh anzulegen, dürfte vorteilhaft sein.
Noch wichtiger ist die Teilnahme pietätvoller
und schönheitsbedürftiger Sachverständiger bei
der Aufteilung alter Stadtviertel, bei der Anlage
neuer Straßen und Pläße; das in all solchen
Fällen der Kunstgewerbeverein herangezogen
wird, kann jedenfalls keinen Schaden bringen.
Vorbildlich darf die Beratungsstelle des Kunst-
gewerbevereins Halle —Merseburg (neben der
älteren Stuttgarter) genannt werden; von ihren
Erfahrungen und Erfolgen möge sie zu ge-
legener Zeit berichten.

Neben diesen verschiedenen Fragen der
Exekutive wurde ein theoretisches Kapitel ge-
lesen. Dr. Wolff, der Direktor des statistischen
Amtes in Halle, versuchte den Begriff der
Volkskunst zu definieren. Mit Recht basierte
er ihn auf eine Wirtschaftsform. Die Volkskunst
gehört der geschlossenen Hauswirlschaft, entsteht
in wirtschaftlich gesicherter Lage, bei völkischer
Selbständigkeit, ist Produktion für den eigenen
Bedarf, seßt die autonome Ausführung der be-
treffenden Techniken voraus. Damit ist erklärt,
daß und warum es in der Zivilisation der Gegen-
wart eine eigentliche Volkskunst nicht mehr
geben kann. Dr. Dohm wies darauf hin, daß solche
nüchterne Erkenntnis mit dazu helfen könne, der
Phrase von der Volkskunst der Professoren und
Maurermeister den Garaus zu machen.

Der nächste Delegiertentag wird in Berlin
stattfinden. Wir sind gewiß, daß er nicht minder
als der Hallenser eine Parade der Arbeit der
Kunstgewerbevereine sein wird, kobert bkeuer.

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