Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 24.1909

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Fritz Osswald-München.

zwar handelt es sich hier nicht um den Raum,
den der Künstler darzustellen sucht, also um
die Raumwerte des von ihm zugrunde ge-
legten Naturmotives, sondern es handelt sich
um den Raumeindruck des Gemäldes, der
mit dem Raumeindruck des Naturmotivs
höchstens verschwistert, nicht aber identisch
ist. Osswalds sämtliche Gemälde sind Raum-
poesien erlesener Art. Und ich glaube, daß
der große Erfolg gerade seiner Schneebilder
darauf beruht, daß sie in den Raumwerten
so untadelhaft sind. Sämtliche Entfernungen
sind auf der weißen Schneedecke bei ihm in
einwandfreiester Weise abzulesen, sei es an der
Hand von Tau-Flecken oder von Baumstämmen
oder auch bloß von leichten Schatten, wie
sie sich aus leisen Geländewellen ergeben.
In der Regel begegnen sich in seinen Bildern

zwei verschieden gerichtete Räumlichkeiten:
eine, die in das Bild hineinführt, und eine
zweite, quer laufende, die auf der ersten senk-
recht steht. Man begegnet diesem Schema,
das sich graphisch etwa durch die Form des
lateinischen T ausdrücken läßt, fast auf allen
seinen Gemälden. Reichere Raumwirkungen
versagt er sich deshalb nicht. So enthält
z. B. das Gemälde mit der niedrigen Tannen-
schonung vor dem umzäunten Hause eine
sehr differenzierte Räumlichkeit, die sehr
übersichtlich gegeben und durch reizvolle
Überschneidungen belebt ist.

Aus dieser Poesie des Raumes wächst
aber, fast als Folgeerscheinung, die Poesie
der Farbe und des Vortrages hervor. Ganz
natürlich: Raumprobleme sind es, die dem
Maler seine eigentlichen Aufgaben stellen, die

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