Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 24.1909

Page: 194
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1909/0214
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Wilhelm Michel:

seine Farben differenzieren und die Pinsel-
führung beleben. Denn sie variieren den
Lokalton, bringen zahlreiche Abstufungen in
die Lichtstärke und in das Maß der Model-
lierung. Indem der Künstler diesen Problemen
nachgeht, entwickelt sich das Material unter
seiner Hand gleichsam von selbst und offen-
bart sich selbst so reich als möglich. Klarheit
und Einheit der Raumanschauung sind nicht
möglich ohne Klarheit und Einheit der kolo-
ristischen Anschauung. Denn nur innerhalb
einer geschlossenen, einheitlichen Koloristik
kann die Farbe zum Raumwert werden. Diesen
Vorzug besitzt Osswalds Farbe in hohem

Maße. Wenn man der Münchner Malerei
mit einigem Rechte nachsagt, sie weise durch-
gehends falsche Valeurs auf, so trifft dieser
Vorwurf bei Fritz Osswald nicht zu.

Getragen werden alle diese Vorzüge von
einem sehr kräftigen, forschen Temperamente,
eben jenem Temperamente, das in dem enorm
flüssigen und eloquenten Vortrag der Farbe
bei ihm zum Worte kommt. Fest und sicher
ist bei ihm alles, im höchsten Maße gekonnt.
Man sieht diesem krausen, impressionistischen
Striche schon an, daß es dem Künstler Ernst
um die Farbe ist und Ernst um das, was er
mit ihr auszudrücken strebt. Das Epitheton

194
loading ...