Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 26.1910

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ARCHITEKT EMANUEL J. MARGOLD—WIEN ROHRMÖBEL MIT FARBIGER POLSTERUNG

PROBLEME DES STÄDTEBAUS.

VON PAUL WESTHEIM.

Die Leidenschaft, mit der unsere Zeit sich
auf das Problem des Städtebaus stürzt,
ist ein erfreuliches Anzeichen für das Erstar-
ken sozialer Gemeinschaftsinstinkte.
Die großen Städte waren es, die den Nach-
barschaftsgeist der alten Zeit zerstört haben.
Hier verschwand zuerst das Gevatterschafts-
wesen, das sich für gemeinschaftliche Ange-
legenheiten gemeinsam zusammenfand. Hier
erstand der Individualist, der kaltherzige
Egoist, der rückfichtslos seinenLaunen, Lüsten
und Eitelkeiten fröhnte. Was scherte ihn der
Nebenmann? War er im Besitz einer Baustelle,
so fühlte er sich berechtigt, damit anzufangen,
was ihm beliebte. Was kümmerte er sich um
Proteste der Anwohner, um das Aussehender
Straße, den Charakter eines Stadt-oder Land-
schaftsbezirkes, um Verkehrssorgen der Allge-
meinheit. Er verletzte kein Gesetz, übertrat
keine Verordnung, — was hätte man noch von
ihm verlangen können?! Endlich beginnt ein
Widerwille gegen diese anarchische Willkür
sich zu regen. Die Allgemeinheit begreift wie-
der, daß alle ihre Organisationen dem einzel-
nen erhebliche Vorteile bieten. Die Polizei
schützt ihm Leben und Besitz; hygienische An-
lagen (Wasserleitung, Kanalisation) dienen
der Gesundheit; Verkehrsmittel (Straßenan-
lage und -erhaltung, Omnibusse, elektrische,
Dampf-, Hoch- und Untergrundbahnen) erleich-
tern die Lebensführung; Schulen nehmen ihm
einen Teil der Erziehungssorgen ab usw. Die

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Scheu, für alle diese Leistungen Gegenlei-
stungen zu fordern, scheint zu schwinden.
Gewiß, dafür wurden seither schon Geldopfer
verlangt; als neue Steuer würde nun noch hin-
zukommen etwas Innerliches: Die Unter-
ordnung unter einen Gemeinschafts-
willen großen Stiles.

Jene leidenschaftliche Anteilnahme an den
Städtebaufragen ist aber weiterhin ein Beweis
für das völlige Versagen aller Gewal-
ten, die mit der Wahrung dieser Inter-
essen von der Bürgerschaft betraut
worden sind. Der vielköpfigeApparat:Ober-
bürgermeister, Stadbaurat, Hoch- und Tief-
bautechniker, Baupolizeibehörde, Straßen-,
Park- und Verkehrsdeputationen, Magistrats-
beamte, Stadtverordnete und Ausschüsse aller
Art, hat uns in ein Elend hineingeritten, aus
dem kaum ein Ausweg zu ersehen ist. Die
Folge einer solchen Zerhackung in die ver-
schiedenartigsten Kompetenzsphären war ein
chaotisches Nebeneinanderwirtschaften. Jede
Frage wurde und wird herausgeris sen aus ihrem
Zusammenhang, in jedem Bureau einzeln und
für sich erledigt, — und dann wundert man
sich am Ende, wenn nichts harmonisch ineinan-
dergreift. Da große und einheitliche Ge-
sichtspunkte überhaupt fehlten, arbeitete jede
der vielen Aktenstuben nach dem eigenen
Plänchen. Das Ergebnis ist dann auch so
kümmerlich, wie ein Konfektionsanzug, der
niemandem paßt und immer schlecht sitzt.
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