Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 27.1910-1911

Seite: 308
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Robert Breuer—Berlin- Wilmersdorf:

Nase, Mund, Kinn
und Kehlkopf bis
zur Kehlgrube;
oder vom Kopf
über die Schultern
längs des vorge-
streckten rechten
Armes, den diesen
stützenden Stock
herunter, den tan-
gential getroffenen
rechtenFuß herauf,
oder von der Helm-
spitze über die
Falte des Mantels,
den hinteren Rük-
ken des Pferdes,
den Schwanz hi-
nunter zur Erde,
oder längs des von
den Halswirbeln an
deutlich hervortre-
tenden Rückgrats,
oder über die wei-
chen Bögen der
Scheitel und Schul-
ter verbindenden
Locken, harte Ge-
wandfalten ab-
wärts. — So wird
ein Umriß, eine Sil-
houette herausge-
rissen. Man kommt
demWerkam näch-
sten, wenn es ge-
lingt , die Profile,
die dem Künstler
besonders wert-
voll, weil präzisierend, herauszufinden; dies wird
um so eher gelingen, je reif er und durchdachter die
Kunst. Einen besonderen Reiz vermag in dieser
Beziehung die Gruppe zu gewähren, wenn sich
dieUmrisse verschiedener Figuren oder bestimm-
ter Teile derselben zu einer gemeinsamen Silhou-
ette schließen. Im entgegengesetzten Fall kann
man nicht einen einzigen Linienzug in der einen
Figur verfolgen, ohne auf ein Hindernis in Gestalt
eines Teiles der andern zu stoßen, es wimmelt
von Überschneidungen; wo man sich auch hin-
stellt, man bekommt keinen Gesamteindruck,
immer eine Störung. Der Linienzug aus der
einen Figur vermag nicht die gähnende Lücke
zu überspringen, um in der anderen sich fort-
zusetzen. — Nun forscht man weiter: worauf
hat der Bildner den Hauptwert gelegt, herrscht
der Kopf oder die Bewegung des Leibes, oder
ist die ganze Anlage ein Hinweis auf die nach

ARTHUR LANGE DRESDEN.

der Sonne greifen-
den Hände. — Wa-
rum ziseliert Cano-
nica die Finger sei-
ner „Betenden" so
eindringlich, daß
sie nicht weniger
vergeistigt erschei-
nen als das kon-
templative Antlitz;
während sich Klin-
ger getraut, die po-
lychrome Amphi-
trite ohne Arme zu
lassen. Warum
sind die vier Skla-
ven am Schlüter-
schen Denkmal fast
übermäßig unruhig
gestaltet; während
der Kurfürst in ma-
jestätischer Unbe-
weglichkeit, im
vollsten Sinne des
Wortes wie ange-
gossen auf dem
Rosse sitzt. Der-
artiger Akkorde-
Kontraste in ihrer
verdeutlichenden
Wirkung achte der
Beschauer. — An-
regend ist es auch,
auf die gebliebe-
nen Merkmale der
Herstellung und
Technik zu mer-
ken; sieht man die
Meißel-Einsätze, fühlt man noch den Gang des
Stahles durch den Block, läßt sich auch in der
starren Bronze der Fingerdruck spüren.

Der ganze vorstehend entwickelte kritische
Angriffsplan hat keineswegs den Wert eines
festen Schemas. Es läßt sich noch eine ganze
Fülle von Dingen herzählen, auf die zu achten
nicht weniger wichtig wäre, andererseits wird
mancher von uns Begehrtes entbehrlich und
höchst gleichgültig finden. Historisch betriebene
Kunst — oder besser — Stilkritik wertet ein-
deutiger. Sie achtet auf die Zeichen der Zeit:
So lauteten die Absichten der Epoche, derart
war die Normallösung, wie weit steht N. N.
über oder unter diesem Niveau? Woher hat
er seine Eigentümlichkeiten, — von jener Reise,
von diesem Atelierbesuch? Da spüren wir ein
italienisches Element, hier deutsche Technik, die
Formensprache der Antike verschmolzen mit

Mädchen-Halbakt.

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