Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 30.1912

Page: 239
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1912/0254
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
PROF. HANS ERLWEIN, MALER PAUL RÖSSLER. KRYPTA DER SOPHIENKIRCHE—DRESDEN.

STAGNATION ALS IDEAL?

VON DR. E. W. BREDT.

Das kategorische, paragraphenmäßig festge-
legte Verlangen nach Anpassung neuer
architektonischer, plastischer, dekorativer
Werke an andere und anderes wird immer
nachteiliger und bedenklicher. Für die Bau-
kunst in alten Städten und anderwärts bedeutet
das Verlangen geradezu die Proklamierung der
Stagnation als geschmackliches Ideal.

Ich habe an anderer Stelle auf die diesem
Verlangen zugrundeliegenden historischen Irr-
tümer hingewiesen und versichere hier nur, daß
auch die weiteste und gewissenhafteste histo-
rische Umschau im künstlerischen Schaffen
keine Zeit finden wird, in der so kategorisch,
so gedankenlos, so ganz allgemein vom Archi-
tekten verlangt wird, die Fassade eines Hauses
keinesfalls den neuen Forderungen oder eigener
Uberzeugung entsprechend zu gestalten — son-
dern selbst dann noch diese zu unterdrücken,
wenn von irgend welcher charakteristischen,
künstlerisch wertvollen Nachbarschaft nicht ge-

sprochen werden kann. Was soll man dazu
sagen, wenn in einer berühmten Kunststadt
von Geschäftsneubauten gefordert wird, daß
sich der Neubau an das Baubild des an gleicher
Stelle abgetragenen Hauses anzupassen hat?

Welcher Wort- und Sinnverdrehkünstler ver-
mag diese Forderung in Einklang zu bringen
mit der propagierten und oft bewährten nach
Einheitlichkeit des Stadt- und Straßenbildes?

Wo soll das hinführen — selbst wenn man
die rigorose Negation jeder reinen Pfeilerfassade
in alten Straßen wirklich gelten lassen wollte ?
Man denke, das alte Haus, das einem neuen
Platz machen soll, hat dort barocke, da goti-
sierende — dort Biedermeier-, da Renaissance-
art. Weshalb muß nun jeder Neubau wieder
gerade ähnlichen Charakter zeigen — und sei
das alte Haus auch noch so gleichgiltig gewesen?
Nur um die ältesten Leute der Stadt nicht an
das unabänderliche Gesetz der Wandlungen zu
erinnern? Ist das noch künstlerisch? Ist das

1912. X. 4.

239
loading ...