Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 31.1912-1913

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PROFESSOR EMANUEL VON SEIDL—MÜNCHEN.

TEEHAUS FRAU J. V. SIEGLE—AMMERLAND.

ALTE STÄDTE UND MODERNE ARCHITEKTEN.

VON FRANZ SERVAES.

Es ist jetzt ein sehr kritisches Stadium für
t unsere alten Städte. Denn die moderne
Architektur schreitet rastlos vorwärts, kann und
will sich in ihrem Gang nicht hemmen lassen,
und es entsteht nun die Frage: wie wird sich
ein Ausgleich vollziehen zwischen diesen beiden
einander so entgegengesetzten Faktoren?

Eine allgemeine Antwort hierauf läßt sich
überhaupt nicht geben. Wenn irgendwo, so
kann gerade hier nur von Fall zu Fall entschieden
werden. Was in einer Großstadt möglich ist,
wird in einer kleineren Stadt vielleicht höchst
unstatthaft sein. Was im Norden sich zwanglos
eingliedert, wirkt in südlicher Gegend möglicher-
weise „wie ein Faustschlag". Was vom Barock
geduldig ertragen wird, wird vom Empire oder
von der Gotik jedenfalls heftig abgelehnt werden.

Und wo ein Meister eine kühne neue Kombi-
nation gewagt hat, da kann es äußerst gefährlich
werden, wenn ein Stümper sich herausnimmt,
in seine Fußstapfen zu treten. Also Dornen,
wohin wir greifen. Schematisch ist diese Frage
ganz und gar nicht zu erledigen.

Aber es werden Anforderungen laut. Und
heftige Warnungssignale ertönen. Da diese füg-
lich den alten Baudenkmälern, deren Physio-
gnomie ja im wesentlichen unveränderlich ist,
nicht gelten können, so richten sie sich natur-
gemäß an die Adresse derer, die da in unserer
eigenen Zeit an geschichtlich vornehmen Stätten
mit neuen Bauten sich hervorwagen. Da ist
denn zunächst ein besonders böser Haken:
es kann im Zentrum dichtbesiedelter Großstädte
kaum je neu gebaut werden, ohne daß vorher

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