Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 32.1913

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Kleine Kunst-Nachrichten.

VI. JAHRES-VERSAMMLUNG DES DEUTSCHEN WERKBUNDES^

LEIPZIG, 4.-7. JUNI 1913.

WORTE UND TATEN. Ein Doppeltes ist voran-
zuschicken: mit der wachsenden Mitglieder-
zahl wird die Strenge der Forderungen, die an
jeden Einzelnen zu stellen sind, herabgemindert, es
hält schwer, Jahr für Jahr, den gleichen Theorien
und Idealen neue Worte zu finden. Der DWB. zählte
am 1. April 1912 971 Mitglieder, am 31. März 1913
waren es deren 1319. Das ist eine bedeutende
Zunahme, die ohne Zweifel die Stoßkraft des Bun-
des stärkt, seine Finanzen gesunden hilft und ihm
auch einen größeren Aktionsradius ermöglicht. Zu-
gleich aber bedeutet solches Wachstum, daß in die
Phalanx der eigentlichen Ideenträger die Nachläufer
dringen. Das muß einmal ruhigen Blutes ausge-
sprochen werden. Gewiß, die Arbeit des Werk-
bundes bekommt gerade ihren Sinn dadurch, daß
seine Moral und seine Liebe zum Schönen in die
Massen dringt; der Werkbund hat gesiegt, wenn
es ihm gelang, alle ausschlaggebenden Kräfte der
Produktion und alle entscheidenden Kreise der
Konsumenten für sein Programm zu gewinnen. Er
muß sich also ausdehnen; er muß sich dann aber
auch darüber klar sein, daß er Konzessionen machen
und die Kunst der Diagonale wird lernen müssen.
Vielleicht hat er sie schon in all zu hohem Maße
sich angeeignet, diese diplomatische Gewandtheit,
zwischen den Parteien hindurchzusteuern, nirgend
anzustoßen, keine leßten und einzigen Entschei-
dungen zu treffen und um des praktischen Erfolges
willen die Reinheit der Idee zu opfern. Die Zeiten
des ersten fanatischen Aufflammens sind vorüber.
Heute, da es gilt, mit den Behörden des Reiches,
des Staates und der Städte zu verhandeln, sind
Rücksichten wirtschaftlicher, kultureller und selbst
persönlicher Art zu nehmen. Das spürt der Be-
obachtende an allen Kundgebungen des Werkbundes,
das wurde durch die Leipziger Tagung zuweilen fast
schmerzhaft deutlich. Nur ein Beispiel sei gegeben.
Es wurde des öfteren und von verschiedenen Leuten
gesagt: daß diese Leipziger Baufachausstellung,
innerhalb deren Umzäunung die Kongreßhalle stand,
in gradliniger Entwicklung die Erfolge, die von
Darmstadt nach Brüssel führten, fortseße. Dagegen
erhob sich kein Widerspruch. Vielleicht befahl der Takt,
den Gastgeber nicht zu kränken; einerlei: es hat die
Diplomatie über die naive Redlichkeit gesiegt.
Es war eben eine gewisse Lauheit stillschweigend
als Parole ausgegeben worden. Man zog es vor,
längst bekannte Wahrheiten zu wiederholen, statt
neue Probleme kantig und scharf in die Debatte
zu werfen. Die meisten der Redner zeigten, daß
sie aufmerksame Leser der Zeitschriften und der
Fachliteratur sind. Das ist gewiß zu begrüßen;

andererseits ist nicht recht einzusehen, warum ein
Kongreß zu einem Repetitorium des bereits längst
Bekannten gemacht werden soll. Das langweilt,
jedenfalls hilft es nicht dazu, die Ideen zu klären
und zu entwickeln. Es ist eben schwer, prophe-
tisch zu reden, ohne die Gespinnste der Diploma-
ten zu gefährden. Es ist fast unmöglich, in der
Erkenntnis fortzuschreiten, ohne einige alte Gößen
vom Thron zu stürzen. Es ist in Leipzig nichts
umgestoßen worden; es wurde aber auch keine
neue Weisheit, keine neue Sehnsucht geboren. Es
fehlte die Leidenschaft. Man hätte ein Gefühl der
Mattigkeit empfunden und mitgenommen, wenn
nicht am Horizont der Verhandlungen immer wieder
die Silhouette der kommenden Kölner Ausstellung
aufgetaucht wäre. Diese erste, allgemeine Werk-
bundausstellung, durch die die Durchdringung der
deutschen Produktion mit dem Qualitätsgedanken
erwiesen werden soll, durch die zugleich alle Welt
unseren Reichtum an schöpferischen Persönlichkeiten
erfahren wird, ist das eine, große Ziel, nach dem
sich heute und während des kommenden Jahres
alle Mitglieder des Werkbundes und deren Freunde
zu recken haben. Diese eine, entscheidende An-
spannung ist darum vielleicht eine Entschuldigung
für die Inhaltslosigkeit der Leipziger Tage.

Von den Einzelheiten verdient eigentlich nur
das Referat des Geheimrats Albert eine beson-
dere Erwähnung. Albert war Reichskommissar für
die Brüsseler Weltausstellung, er sißt jeßt im
Reichsamt des Innern und beschäftigt sich intensiv
mit dem wirtschaftlich, politisch und kulturell so
ungemein wichtigen Problem der Ausstellungen.
Er sprach also aus reicher Erfahrung heraus; da-
rum war seine Warnung vor dem Zuviel an Aus-
stellungen doppelt bedeutungsvoll. Mit einiger
Genugtuung hörte man die Nachricht von einer
internationalen Verständigung, was die Weltaus-
stellungen betrifft, bestätigt. Es sollen künftighin
mindestens 3 Jahre Zwischenzeit frei bleiben; erst
nach 10 Jahren aber darf das gleiche Land eine
Weltausstellung wiederholen. Albert mahnte, nun
auch in den nationalen Ausstellungen vorsichtig und
zurückhaltender zu sein, und vor allem diese Aus-
stellungen auch wirklich national und wenn möglich
auf klar umschriebene Aufgaben zu beschränken.
Mit Recht war Albert skeptisch, was den greifbaren
Erfolg internationaler Ausstellungen betrifft; dennoch
trat er entschieden und hierin von Muthesius leb-
haft unterstüßt dafür ein, daß die deutsche Produk-
tion die Opfer der Weltausstellungen nicht scheuen
dürfe. Ein Opfer, wofür, wie Muthesius sehr wahr
bemerkte, der Staat, als das Organ der Nation,

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