Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 34.1914

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PROFESSOR
LEOPOLD
GRAF VON
KALCHREUTH.

»DAMEN-
BILDNIS«

IST BILDENDE KUNST NUR „GESTALTUNG FÜR DAS AUGE"?

BEMERKUNG ZU EINER KRITIK DER HILÜEBRANDSCHEN RAUMÄSTHETIK.

Der oberflächlichen Betrachtung von Kunst-
werken mag die in dieser Überschrift aus-
gesprochene Behauptung richtig erscheinen: da
wir die bildenden Kunstwerke zunächst
sehen, muß sich auch ihre Gestaltung nach
den Bedürfnissen des Sehwerkzeugs, des Auges,
richten. Aber indem man diesen Satz, das
ästhetische Glaubensbekenntnis der an den
Namen Adolf Hildebrands gebundenen
künstlerischen Wertlehre vertritt, macht man
sich sogleich einer Verwechslung von Mittel
und letztem Ziel schuldig, eines Sensualismus,
nicht unähnlich jenem materialistischen Irrtum
Gottfried Sempers, der aus den technischen
Daseinsbedingungen des tektonischen Kunst-

werks das „Gesetz seiner Entstehung aus Ma-
terial, Technik und Gebrauchszweck" ableitete.

Nicht jedes Sehen ist zugleich ein künstleri-
sches Sehen: das Sehen des praktischen Alltags
stellt sich im wesentlichen als ein bloßes Be-
merkenquantitativ bestimmt erAnzeichen
dar, wie etwa des Artunterschieds, der räum-
lichen Ausdehnung oder der Stellung und Lage,
während die ästhetische Aufnahme, die „Apper-
zeption", wie man wissenschaftlich sagt, ein weit
innigeres „Sich-einfühlen" in die Einzigartigkeit
des betrachteten Gegenstandes bedeutet: seine
sichtbaren Eigenschaften werden aus dem
quantitativen einer bloß räumlichen Außen-
welt in den qualitativen Bereich unsers eige-

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