Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 34.1914

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PROFESSOR ALBIN MÜLLER. »MUSIKRAUM DES GROSSHERZOGS« HAUPT AUSSTELLER: HOF-MÖBELFABRIK LÜDW. ALTER.

KUNSTWAHRHEIT UND NATURWAHRHEIT.

VON DR. EMIL UTITZ—ROSTOCK I. M.

Ferdinand Hodler hat jüngst über seine
Art, die Natur anzusehen, einige Bekennt-
nisse veröffentlicht, die mir sehr beachtenswert
' erscheinen. Die wichtigsten Sätze lauten:
„Führt mich mein Weg in einen Tannenwald,
wo die Bäume sich hoch zum Himmel heben,
so sehe ich die Stämme, die ich zur Linken und
Rechten vor mir habe, als unzählige Säulen.
Ein und dieselbe vertikale Linie, viele Male
wiederholt, umgibt mich. Mögen sich nun diese
Stämme hell von einem immer dunkler werden-
den Hintergrund abheben, mögen sie gegen das
tiefe Blau des Himmels gestellt sein, die Ursache,
die in mir jenen Eindruck von Einheit bestimmt,
ist ihr Parallelismus. Die vielfachen senkrechten
Linien wirken wie eine einzige große Vertikale
oder wie eine ebene Fläche." Oder „setzen
sich ein paar Leute, die derselbe Zweck zu-
sammenführte, an einen Tisch, so können wir
sie als Parallelen auffassen, die irgendwie eine
Einheit bilden, wie etwa die Blätter einer
Blume". Hodler will demnach keineswegs

„Unwirkliches" bieten, nichts irgendwie „Er-
fundenes", das die Spannweiten des Naturein-
drucks sprengt, sondern er beruft sich auf die
Erscheinung der Wirklichkeit, wie er sie auf-
faßt, auf seine Stellung zur Natur. Und er baut
diese auf aus wesenhaften Zügen, aus den
tragenden Pfeilern ihrer Struktur. Die Grund-
akkorde löst er aus der Fülle der Töne, und da-
durch gewinnen sie eine starke, reine, hallende
Akzentuierung. Aber auch der japanische
Künstler, der einen Frühlingsblütenzweig oder
einen singenden Vogel in die rhythmische Formel
einiger schwingender Linien bannt oder in den
Zusammenklang wohl abgestimmter Farben,
glaubt durchaus nicht von der Natur sich zu
entfernen, sondern im Gegenteil tief in sie
hineinzutauchen, indem er ihr wahres Sein von
allen Hüllen entschleiert. „Wahrheit wird dem-
nach auch hier geboten, nur ist diese Wahr-
heit unvergleichbar mit der des Impressionismus
eines Man et oder Monet, eines Renoir
oder Liebermann. Was kann dann aber

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