Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 35.1914-1915

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Fort mit all dem Flitter, der wertlos und unecht ist! Mit all den Perlenbehängen,
die ziemlich viel kosten und doch ganz wertlosen Plunder bedeuten. Tragt statt
dessen das Köstlichste an Stoffen und Farben und Spitjen zusammen, um die
Frauen zu schmücken ! Der Schritt von den Entwürfen der Bühnenkostüme, für welche
deutsche Künstler arbeiten, zu geeigneten Gesellschaftskleidern, ist ja gering!

Wo in der Welt ist denn ein zeitgemäßes Kunstgewerbe so entwickelt wie bei
uns und in Österreich! Das haben doch wohl die großen diesjährigen Ausstellungen
gezeigt. Um so betrüblicher mutete es eigentlich an, daß das ganze Gebiet
der Frauenmode von dieser Entwicklung noch ziemlich unberührt
geblieben war. Vielleicht machte eine gewisse Voreingenommenheit des Publikums
und der Konfektionäre und das rasende Tempo der Veränderlichkeit des in Frage
kommenden Industriezweigs das Eingreifen der Künstler hier schwieriger wie sonstwo.

Nun aber ist der Moment gekommen, der Moment, wo die rastlose Maschine
innehalten muß — der Moment der Ruhe und Besinnung. Möchten nun die
besten deutschen Künstler in Verbindung mit den maßgebenden deutschen
Konfektionshäusern ihre Kräfte einsetjen! Möchten ferner die Grundsäße der Soli-
dität, der Zweckmäßigkeit und Harmonie in den Herzen aller deutscher Frauen
festen Fuß fassen — als Grundprinzipien einer „neuen Mode" — einer Deutschen
Mode!.......... Mely Joseph.

KÖNNEN WIR IN DEUTSCHLAND „DIE MODE" SCHAFFEN?

Es konnte sich bei uns — und nur bei uns — ein Stamm von Künstlern ent-
wickeln, der, die historischen Krücken von sich werfend, den zeitgemäßen
Stil der Architektur und des Wohnens, der Fabrik und des Automobils schuf: den
überzeugenden Stil des Selbstverständlichen. Es ist auch kein Geheimnis, daß Poiret,
der erfolgreiche Reformator der Pariser Mode, seine entscheidenden Anregungen den
Wiener Künstlern verdankt.

Erkennt nun die deutsche Mode-Industrie die Wichtigkeit des Moments und zieht
sie, kein Opfer scheuend, sich den vielfach modisch empfindenden Nachwuchs unter
diesen Künstlern in ihre Schneider-Werkstätten, Seidenspinnereien, Tuch-, Knopf-,
Posamentenfabriken, gibt sie ihren eigenen Entwerfern freie Hand, so wird sich manches
unerkannte Modegenie plößlich entpuppen können.

Pariser Einzelleistungen werden wohl noch lange unsere Bewunderung erregen,
aber den Pariser Durchschnitt zu übertreffen, halte ich für ein unschwer zu er-
reichendes Ziel.

Ein Moratorium der Mode wird zunächst nötig sein. Aus soundsoviel triftigen
Gründen wird die leßt überkommene Form prolongiert werden müssen. Keine vor-
nehm denkende Frau will auffallen. Nicht auffallen kann man aber nur, wenn
man sich der herrschenden Mode entsprechend kleidet. Zudem steht diese leßte
Mode auf einer außerordentlich künstlerischen Höhe. Man beschränke sich auf
das Beste aus ihren Linien, auf ihre einfachsten Formen, und man hat eine gute
deutsche Mode, die sich im nächsten Jahre selbständig weiterentwickeln läßt.....

Lucian Bernhard - Berlin.
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