Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 36.1915

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POLNISCHE KUNST.

Die polnische Kunstausstellung", die seit Mitte
April in den Räumen des Wiener Künstler-
hauses geboten wurde, findet ihren bestimmenden
Wert zunächst in einer Reihe grundlegender Er-^
kenntnisse, die sie nach der Art ihrer Auswahl '
und Anordnung vermittelt. Die Kriegsverhältnisse,
die in den Kunstbesitj des polnischen Reichsteiles
der Monarchie besonders radikal eingreifen, haben
es von vornherein unmöglich gemacht, der Auslese
Vollständigkeit zu geben. Aber trot5dem sind die
Hauptrichtungen und tragenden Charaktere einer
mehr als hundertjährigen Entwicklung erkennbar
geworden und damit eine Darbietung erreicht, die
über den ungefähren und flüchtigen Eindruck einer
Tageserscheinung hinweg strengere und dauernde
geistige Bedürfnisse befriedigt.

Schon der vorwiegende Besser dieser mehr
als zweihundert Kunstwerke eröffnet den Einblick
in Grundsät3liches. Es ist galizischer Kunstadel,
Aristokratie und Intelligenz. In engerem und tätigem
Zusammenschlug mit der führenden Gesellschafts-
schicht verläuft hier das Künstlerschaffen und deutet
auf einen tieferen geistigen Zusammenhalt aller
Kulturträger von echt nationaler Färbung. Dieses
Gegenseitigkeitsverhältnis von Auftraggeber oder
Kaufer und ausführendem Künstler trägt hier nicht

das äußerliche Merkmal des bereitwilligen Mäze-
natentums, sondern zeigt den bewegten Austausch
von Gedanken und Stimmungen, die in beiden
• Teilen gleich lebendig und gleich wirksam er-
scheinen. Derart gewinnt hier die Kunst den Aus-
druck eines über ihre engeren Grenzen hinaus-
reichenden, gemeinsamen Innenlebens, das den
Mangel einer staatlichen Einheit durch die Ein-
helligkeit der Gesinnung ersetzt. Diese Polenkunst
ist durchaus bewußte Rassekunst, sie betont diese
Zusammengehörigkeit durch ihre malerische Hal-
tung und ihren seelischen Inhalt, gerät dabei nicht
selten aus dem näheren Eigengebiet der Malerei
in das der nationalen Proklamation und hält dieses
Gepräge auch dort fest, wo sie technisch in frem-
des Fahrwasser abschweift, — ohne auch hier die
Selbständigkeit der Empfindung aufzugeben.

Schon der retrospektive Teil der Ausstellung
macht dies alles offenkundig. Die Zeitgenossen
der französischen Romantik und der belgischen
Historienmalerei können sich diesen Einflüssen umso
weniger entziehen, als sie auch auf eine Verwandt-
schaft sozialer Stimmungen trafen. Der kraftvolle
Pferdemaler Peter Michalowski ist ohne Geri-
cault's Aquarellkunst im gleichen Stoffgebiete kaum
denkbar und vor dem Werke des vielbewunderten

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