Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 36.1915

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SEIDENSTICKEREI AUF LEINEN-GRUND. MÄHRISCHE VOLKSKUNST. »ORNAMENTYc BRÜNN.

DIE MITTLEREN WERTE.

Deutsches Schaffen bewegt sich in starken
Ausschlägen. Die Möglichkeit, sich un-
beirrt auf einer mittleren Linie zu halten,
ist einer deutschen künstlerischen Begabung
kaum gegeben. Die Höchstleistung, das Geniale,
steht immer als eine gewaltige und unausweich-
liche Forderung vor ihren Augen. Das Mittel-
maß gilt uns bezeichnenderweise als gleich-
bedeutend mit dem Mindermaß. Was nicht
genial ist, hat, nach deutscher Meinung, sein
Ziel verfehlt. Eine Abgegrenztheit sicherer
mittlerer Leistung ist vorläufig bei uns undenk-
bar. Es ist ein Zustand, der uns um viele gute
geistige Früchte bringt. Die Produktion wird
durch das Übermaß der Ansprüche unsicher.
Die mittlere Begabung wird gedrückt, ihr Ehr-
geiz in eine falsche Richtung gelenkt. Es ist ja
nun nicht an dem, daß uns mittlere Begabungen
überhaupt versagt sind. Jeder Blick in eine
Ausstellung zeigt sie zu Dutzenden vorhanden.
Aber sie haben es schwer, zu einer positiven
Wertung zu gelangen. Sie haben es schwer,
ihr jtoü azö> zu erkennen. Sie müssen vor sich
selber immer als Zielverfehlende gelten und
sind dazu verdammt, in ihren eigenen Augen
wie in denen der anderen stets zwischen Über-
und Unterschätzung zu schwanken. Wie diese
Dinge bei uns stehen, beleuchtet eine Aus-
führung von Franz Blei. Er schrieb: „Alles
liegt (bei uns) auf den Schultern des Einzelnen.
Keine Gemeinschaft hilft ihm tragen. Erdrückt
es ihn nicht, so leistet er Riesiges: Goethe,
Bach". Und knüpfte daran die Folgerung:

„Wollten wir Goethe gegen sieben Racine
tauschen oder gegen zwei Dutzend Victor Hugos?
oder den einen Bach gegen noch so viele
Gounods? Unsere Talente haben es schwer,
denn sie brauchen den kulturellen Halt —
sollen wir aber ihres Gedeihens wegen auf das
Genie verzichten?" — Diese Frage so stellen,
heißt sie verneinen. Sollte aber die ruhige,
gerechte Abgrenzung der mittleren Leistung
wirklich den Lebensbedingungen der Genies
Abbruch tun? Bedenken wir, worum es sich
handelt: nicht um ein Emporloben der Talente,
sondern lediglich um die Anerkennung des
Mittleren in der Kunst als eines Berechtigten
und in sich Abgeschlossenen. Ich hörte einmal
einen bekannten Schriftsteller über einen Kol-
legen abschätzig sprechen, und seine Verurtei-
lung gipfelte in dem Satze: er ist ganz passend
da, wo er auftritt. Kann man eigentlich einem
Menschen oder einer Sache ein besseres Zeugnis
ausstellen als dies? Und ist es nicht eine ver-
schrobene Anschauung, die eine solche Fest-
stellung in tadelndem Sinne gebraucht?

Wir haben fraglos in Deutschland in unseren
ästhetischen Wertungen zu wenig Abstufung.
Gerade unsere Großen haben diesen Mangel
des öfteren gerügt. Wir besitzen im Grunde
genommen nur ein Werturteil von vollkom-
mener Positivität: groß. Der große Künstler,
der große Dichter. Der französische Dichter
Andre Gide sagte einmal: „Le mot grand
poete ne veut rien dire; c'est un pur poete qui
importe." Eben dieser Begriff des „reinen"

XVIII. August 1915. 0

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