Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 36.1915

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Architekt Carl Stahl- Urach-Berlin- Wilmersdorf.

architekt c. stahl-urach—berlin-wilmersdorf.

landhaus jolitz. »zimmer der frau«

der Erbauung, der Erhebung bereit hat. Nie-
mals wird die Menschheit jene Begnadeten ent-
behren können, die das, was alle dumpf be-
wegt, in die schöne Formel bringen. . .

Man muß die Arbeiten, die Stahl in der
letzten Zeit publiziert hat, zusammenhalten, um
den überraschenden formalen Reichtum dieses
Künstlers recht zu würdigen. Das Landhaus, das
wir heute bringen, gibt nur einen kleinen, aller-
dings typischen Ausschnitt. Die Schauseite,
gegen die Straße zu, ist auch im Plan betont.
Der Doppelgiebel, sonst Zeichen einer inneren
Teilung, wie beim Zweifamilienhaus, ist hier
gewählt, weil er eben eine interessante, aus-
drucksvolle Linie gibt. Seine scharfen Grate
kontrastieren glücklich mit dem anmutigen Zaun.
Reizend das gewölbte, feingegliederte Tor neben
der struppigen Weide!

Auch im Innern dienen einige durchgehende
Kontraste zur Gliederung des Wesentlichen.
Kannelierte Möbelflächen stehen gegen krause
Schnitzereien, schnörkelige Beine tragen kan-
tige Kasten. Ein weißes Mullfenster, einge-
schnitten in bunttapezierte Wand. Solche
scharfe Gliederung ist nie nötiger als bei einer
Kunst, die das Bunte, die Fülle, das ungebun-
dene Spiel über alles liebt. ... a. jaumann.

DER ZUFALL ALS RAUMKÜNSTLER.

Es gibt Tage, wo uns die geringste Schönheit
ergreift, und Tage, die unsere Nerven kalt
und stumpf finden, daß auch das Größte sie
nicht zu erschüttern vermag. Nur wenn das
Auge weich und eindrucksam ist wie lockeres
Erdreich, das auf den Samen wartet, erwachen
die Räume um uns zu Leben, zu kräftiger,
sprießender Existenz. Nur in diesen Tagen,
diesen wenigen gesegneten Stunden sind wir
wirklich imstande und berufen, Raumschön-
heit kritisch zu wägen und zu deuten!

Wie anders wirken da oft die Dinge, als der
gestaltende und ordnende Architekt sichs ge-
dacht. Das Flimmern eines Sonnenflecks an der
Wand wird bedeutsamer als der ganze sorgsame
Aufbau der Fläche. Ein blauer Himmel schickt
seine Reflexe durch die Fenster, und über die
öden schwarzen Politurflächen huscht plötzlich
ein freundlicher Hauch, der alles Harte vergessen
läßt. Die Linien scharfberechneter Proportionen
werden leer, ferne Dinge treten dafür in Bezieh-
ungen, die unscheinbarstenNebensächlichkeiten
gewinnen Leben und Bedeutung. Die Stim-
mung hängt oft an Momenten, die nur der Zufall
enthüllt, sie verfliegt, sobald Absichtlichkeit,

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