Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 36.1915

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Der Zufall als Raumkünstler.

Berechnung diese Momente wiederholt, steigert,
ausnutzt. Es ist nicht ohne Wichtigkeit, daß
das harte weiße Licht des Tages solcher Raum-
poesie nicht günstig zu sein pflegt. Erst im
Dämmer oder im halben Licht wachen die Seelen
der Dinge um uns, der bauchigen Schränke, der
zierlichen Geräte, die da hängen, oder stehen
oder liegen, auf, beginnt das Raunen und
Rauschen, das heimliche Weben der Stimmung.
Da ist es dann auch, wo der Zufall, der angeblich
sinnlose, seinen tiefen Sinn, seine Bedeutungs-
fülle, zu offenbaren beginnt. Die Blumen,
die achtlos neben dem Bild auf dem Schreib-
tisch liegen, erwecken in ihrer zufälligen Lage
die Vorstellung von der feinen Geste einer

schmückenden Hand — der stumme verschlos-
sene, beiseite geschobene Flügel steht wie ein
müder Vogel, der vom Fliegen und Singen er-
schlafft ist. Gerade die scheinbar unordentliche
Stellung erinnert an den Gebrauch, spiegelt
das Tun und Fühlen des Menschen. Je auf-
geräumter, desto leerer und kälter der Raum.
Ein Künstler wird sich in solcher Umgebung,
wo die Dinge jeden Tag neu, fremd, kalt er-
scheinen, niemals wohl fühlen. Die sogenannte
künstlerische Unordnung ist für ihn viel frucht-
barer an Stimmungen und Bildern, mancher
Künstler kann sie kaum entbehren, selbst wenn
der Zweck der Räume, die bequeme und sichere
Benützung darunter leidet........ a.j.

architekt
stahl-urach.
»zierschrank
im zimmer
der frau«

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