Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 36.1915

Seite: 360
DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1915/0370
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
KUNST UND BIOGRAPHIE.

Es ist ganz gewiß nicht das tiefste Inter-
esse an der Kunst, das sich mit den Bio-
graphien der Meister begnügt. Und wenn ein-
mal gesagt wurde, es sei eine Kunstgeschichte
ohne Künstlernamen das Ziel, so steckt darin
bei aller Übertreibung ein wahrer Kern. Schließ-
lich kommt es aber auch hier auf den einzelnen
Fall an. Ein Durchsuchen des irdischen Lebens-
laufes nach Abenteuern, nach menschlichen Un-
zulänglichkeiten ist unter allen Umständen ver-
werflich. „Hand weg von meinem Leben", rief
Liliencron zudringlichen Verehrern entgegen.
Aber wenn ein treuer Freund einfach und
schlicht erzählt, wie dieser oder jener Meister
im Leben stand, dann können selbst kleine,
anekdotische Züge von Wert und Bedeutung
sein, wobei wir nicht an den philologischen,
sondern an den allgemein-menschlichen Wert
denken. Das lehrt u. a. das schöne Buch von
Adolf Frey über Böcklin. Ob es über Böcklins
„Kunst" im eigentlichen Sinne etwas Neues
lehrt, ist fraglich und führt auf die alte Streit-

frage, ob wir überhaupt zur Erkenntnis eines
künstlerischen Schaffens notwendig das Leben
des Meisters kennen müssen. Bei Beantwortung
dieser Frage werden sich die verschiedenen
kunsthistorischen Schulen streng voneinander
sondern. Ein Wölfflin wird geneigt sein, mit
einem runden „Nein" zu antworten; ein Karl
Frey wird die Frage noch entschiedener be-
jahen. Es hängt der Standpunkt in dieser Frage
doch tief mit der ganzen Methode, der ganzen
Auffassung des Forschers zusammen. Der eine
sieht im Künstler mehr den Menschen, der an-
dere mehr den Bildner, jener im Kunstwerk
mehr das Produkt eines bestimmten Milieus,
dieser ein geistig-zeitloses Gebilde. Hier wird
schwerlich der eine den anderen zu seiner An-
sicht überzeugen können. Aber soviel ist wohl
sicher, daß man den Wert des Biographischen
nicht überschätzen sollte! Ob nicht letzten
Endes selbst bei einem Michelangelo die Werke
allein alles sagen, was uns vom Menschen zu
wissen nottut? Und würden wir die Bildwerke

360
loading ...