Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 43.1918-1919

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SIEGEL VON ALFRED LÖRCHER.

Siegel gab es schon im frühen Altertum. In
Ägypten, Babylonien, Assyrien und in der
ägäischen Kunst war ihr Gebrauch weit ver-
breitet. Ja in der Hammurabizeit, im 20. Jahr-
hundert v. Chr. ist diese Sitte so allgemein ge-
wesen, daß Geschäfte bestanden, die schon
Siegel mit beliebten Darstellungen aus der Göt-
terweltodermitBildern von Jagdszenen, Kämp-
fen und dergl. vorrätig hatten und dann nur
noch den Namen des Käufers eingravierten.
Man ist erstaunt über den Reichtum an Erfin-
dungskraft, die sich in dieser, die gleichzeitige
Großplastik oft übertreffenden Kleinkunst äu-
ßert. Wem fallen hier nicht die bekannten,
goldenen Siegelringe ein, die Schliemann bei
seinen Ausgrabungen in Mykenae gefunden
hat! Durch alle Stilperioden hindurch, bis über
die Mitte des vergangenen Jahrhunderts hinaus,
hat dann die Anwendung und Gestaltung des
Siegels eine mehr oder weniger beachtens-
werte Entwicklung erfahren. In den letzten
Jahrzehnten ist sein Niveau nun sehr ge-
sunken. Eine Erstarrung und Verödung in kon-
ventionellen Formen hat ihm jeglichen Reiz
genommen. —

Man beschränkte sich auch, vielfach auf die
trockene, kunstlose Wiedergabe der sich auf
den Namen des Bestellers beziehenden An-
fangsbuchstaben, oder verwendete gar als Er-
satz für das Siegel die Siegelmarke. Erst seit
einiger Zeit ist in dieser so in Verfall geratenen
Kleinkunst da und dort ein erfreulicher Um-
schwung eingetreten. Über solche, wieder neues
Leben bringende Versuche wurde schon an
dieser Stelle im August 1916 in dem Aufsatz
„Eine vergessene Kunst" hingewiesen. Weit

gelungener nun sind die Arbeiten von Alfred
Lörcher-Stuttgart. Sie stehen bereits auf einer
hohen Stufe. Hier ist wieder unbefangene
Frische, Lebendigkeit und Originalität der Auf-
fassung, verbunden mit meisterlicher techni-
scher Durchführung erreicht. Für Lörcher, der
in der Plakettenkunst so vortreffliche Werke
geschaffen hat, lag es nahe von hier aus auch
auf das Gebiet des Siegels zu gehen, da bei
beiden mit demselben technischen Mittel dem
Negativschnitt gearbeitet wird. Durch den Ne-
gativschnitt gelingt es künstlerisch ursprüng-
licher unmittelbarer zu wirken als durch die,
zu ihm gegensätzliche, über den Grund er-
habene Modellierung der Positivbehandlung.
Das technische Verfahren ist dabei einfach. Das
Negativ wird in Originalgröße in Stein oder
Gips geschnitten und davon ein galvanischer
Abzug hergestellt. Dieser bildet dann den un-
teren, abdrückenden Teil des Siegels, das zum
Gebrauch mit einem Stock versehen wird. Ent-
sprechend dem Wesen des Siegels erfordert
seine künstlerische Gestaltung vor allem Ein-
fachheit und Klarheit und eine fast ornamentale
Zusammenfassung aller Motive zu einem in sich
geschlossenen, einheitlichen Bilde. Die Abbil-
dungen zeugen durchweg von dem richtigen,
gesunden Stilgefühl des Künstlers. Welch reiz-
volle Wirkungen sind besonders bei den Ab-
drücken mit den Ähren, dem Sämann, dem
Schiff und dem Adler erzielt worden! Bemer-
kenswert ist ferner, daß das Siegel hier, wie bei
dem Exlibris, charakteristisch für seinen Besit-
zer ist und dessen Namen, Neigungen, Liebhabe-
reien oder Berufsart in treffender feinempfun-
dener Weise zum Ausdruck bringt, db. h. würz.

TRÄUME UND RÄUME.

Im Traum, wo die Bleigewichte Zweck, Aus-
führbarkeit, Kostenfrage abgeglitten sind,
baut sich die Phantasie Räume von überirdi-
scher Schönheit. Da müssen die Wände nicht
tragen, die Dinge haben keine Schwere, die
Menschen, die hier wohnen, arbeiten nicht, sie
feiern nur Feste. Gold kostet nichts, die Höhe
kostet nichts, auch nicht die Weite. Jeden leise
sich regenden Wunsch überschüttet der Traum
mit Erfüllungen. Wie ein Pfau spreizt er den
Fächer seiner Wahngebilde, die die Seele trun-
ken machen und furchtsam, das leibliche Auge
je wieder zu öffnen und in das bittere Reich
der Wirklichkeit zurückzukehren. Der Traum

ist ein Gift, so süß und so gefährlich wie ein
Gift. Du überläßt dich entzückt dem Schwin-
delflug, wenn die dunkelschweren Fittiche sich
heben, auf denen es wie von tiefblauer Seide

und Diamanten glänzt.....

Da tauchen Burgen auf, höher, herrlicher als
Walhall. . . In tiefen Gräben und kalten Ver-
ließen schauerst du, die Wände verlieren sich
oben im unergründlichen Labyrinth von Stre-
ben. . Es wächst. . Es weitet sich zur Kirche.
Rubinrotes Licht tropft durch die Scheiben
schlanker, spitzer Fenster. . . . Gleich einem
Falter schwebst du im Gaukelspiel um die
Pfeiler, um das Märchengeraune der Kapitale...
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