Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 46.1920

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LITHOGRAPHIE
AUS DER MAPPE
»ZWEI TÄNZERINNEN«
GOLTZ-VERLAG
MÜNCHEN.

HERMANN GEIBEL-MÜNCHEN.

Nachdem die Sintflut des Krieges sich zu
verlaufen beginnt, tauchen hier und da aus
dem aufgehäuften Schlamm einige Gipfel her-
vor, der Zukunft entgegenwinkend. Ein solcher
Gipfel ist die Kunst des Bildhauers Hermann
Geibel, dem der Kampf fast die rechte Hand
genommen hätte. Wir konnten unlängst froh
sein Schaffen in der Thannhauser-Ausstellung
in München überschauen.

Geibel ist urdeutsch: träumerisch — weich,
innig — zart in jeder Regung seiner Kunst.
Und doch weht auch ein Hauch südlicher Schön-
heit in seinen Werken. Mütterliche Hingabe
an das Kleine offenbaren seine Tiere: der Fuchs
und der Panther und der Löwe. Und doch ist in
dem schreitenden Bronzelöwen männliche Kraft,
männlicherTrotz; zumal in der zaudernd, lauernd
gekrümmten linken Vorderpranke des Grim-
migen wird sein inneres Wesen offenbar.

Aber Geibels Arbeiten kopieren niemals das
Leben, die Natur. Der Porträtkopf, so lebendig
er schon ist, ist ihm nicht genug, ist ihm Über-
gang, wertvolles Merkzeichen innerer Ausbil-
dung. Er sucht das tiefste Wesen eines Men-
schen (auch des Tieres) in sich aufzunehmen,
gestaltet dann der Seele einen neuen Körper.
So schafft er nach einer Porträtbüste seine
Sappho („Träumende Frau"), in die sein Weib,
die Dichterin Elfriede Geibel — der Sappho ver-
wandt in der warmen, teils leidenschaftlichen
Sinnlichkeit ihrer Verse — völlig eingegangen ist.

Geibel ist Lyriker — noch Lyriker. Die
Haltung, die Gebärde, aber auch die Form seiner
Körper (und hier beginnt das Problematische
seiner Kunst) wird zum restlosen Ausdruck einer
tiefen Empfindung, Stimmung. Der Kopf wird
blumenhaft schmal bei der „Flora" (aus Bronze),
damit er die Neigung, die Biegung der Linien

Juni 1920. j
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