Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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Beziehung auf den Menschen.

eigentlich in jedem
zeichnenden oder
malenden Kinde.
noch sprudelt. Das
historisch Primi-
tive sagt uns gar
nichts, das see-
lisch Anfängliche
gilt es zu beachten,
und das ist in Je-
dem von uns vor-
handen. AlleKunst
beginnt mit Freude
und Mitteilung, mit
Leben und Nach-
erzählen. (Inwie-
weit sich in dieses
Nacherzählen das
Element des Neu-
schaffens mischt,
das oft schon beim
Kind sehr betont
auftritt, mag in die-
sem Zusammen-
hang beiseite blei-
ben.) Darin liegt das
Leibliche,dasKern-
hafte der Kunst,
und alles Hohe und
Geistige erwacht
erst später in die-
sem Leiblichen,wie
die Blüte aus dem
Strauch. Wo der
Trieb zum Mittei-
len und die Freu-
de am Ding ge-
schwächt sind, da
hat die Kunst keine
gute Zeit. In die-
sem beidem aber
liegt mit andern
Worten: die Be-
ziehung der Welt
zu uns und unsre
Beziehung zu den
Mitmenschen. Wo
dies da ist, da läßt
sich leben und re-
den, zeichnen und
malen. Da ist die
Kunst eine Helfe-
rin, denn sie deu-
tet uns die Welt
aus, sie macht sie
lesbar wie ein Ge-
sicht. Da verliert

GEORG HENGSTENBERG—BERLIN. »KLEINER ZIERBRUNNEN«

FRÜHJAHRS-AUSSTELLUNG DER AKADEMIE-BERLIN,

sie sich nicht an
das Titanische und
Dämonische in der
Tiefe; da hilft sie
Tag und Form und
Schönheit um uns
her erschaffen. Wir
wissen sehr viel
von den dunklen,

unterweltlichen
Regionen im Men-
schen und im All.
Aber worauf ist es
denn unter Men-
schen von jeher an-
gekommen? Dar-
auf, daß sie die
Unterwelt über-
wunden und einen
hellen, schönenTag
daraus gemacht ha-
ben. Das Märchen
weiß auch um die
gefährlichen, fin-
steren Dinge. Aber
es stellt sie bei-
seite, es steckt sie
in ein Faß voll Nä-
geln und läßt sie
den Berg herab rol-
len oder, noch bes-
ser, es entzaubert
sie und holt mit
dem Mut des ge-
sunden Lebens aus
dem feuerspeien-
den Drachen eine
schöne, blondlok-
kigePrinzessin her-
vor. — Das allein
ist menschliches
Tun. Unsre Kunst
ist im Begriffe, sich
zu vermenschli-
chen. . . W.MICHEL.



[ur der Mensch,
der sich selbst
künstlerisch zu er-
fassen u. mitzutei-
len vermag.istfähig,
die Natur des Men-
schen künstlerisch
darzustellen; nicht
der unentwickelte
naturunterwürfige.

RICHARD WAGNER.

N*
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