Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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OSKAR COESTER.

H

ier ist Einer wieder einmal in der Welt
zuhause, eine Kreatur neben andern, undjp
malt das Gluck der Existenz. Vielleicht ein ?/
etwas brüchiges, ein etwas schwermütiges, leid-
volles Glück; aber die Wärme des ringsum
brütenden Daseins fühlt man wie an eigner
Haut. Stammt das noch aus impressionistischem,
stammt es aus neuerem Bezirk? Es dürfte
schwer sein, die richtige Einordnung zu treffen.
Sicher ist, daß diese Kunst uns angeht, daß sie
die Nerven der Zeit hat; und daß sie gleich-
wohl ein Lebensgefühl vorträgt, das in vergan-
genen Epochen zweifellos reicher bezeugt ist
als in der unsrigen. Vergangenes spricht in
neuer Sprache. Vieles Romantische klingt an.
Man glaubt manchmal das Lied der Eichen-
dorf fischen, mehr noch der Brentano 'sehenLyrik
zu hören, in neueste Tonarten herübergetragen,
so sehr ist Landschaft hier seelenhaft gefügt
und bewegt. Nein: so sehr ist hier „Seele"
zur Landschaft geworden. Spürt man nicht an
jedem Punkt dieser Gemälde, wie sie und alle
Dinge, die da erscheinen, von Seele „ernährt"
sind? Da ist zwischen Mensch und Natur keine

Grenze, keine Abwehr. Sie tauschen sich aus
mit einer tiefen gegenseitigen Lust. Und wenn
es zum Grundgefühl des Lyrikers gehört, daß
er die Landschaft von innen her, nämlich als
lebendige Seele, kennt, dann ist Oskar Coester
reinblütiger Lyriker. Der feinste, schwebendste,
horchendste und liebendste Dichter, den es im
Bezirk neuester Malerei gibt.

Er ist in die Welt, er ist ins Leben verloren.
Eichendorff hat jenes Lied gesungen von dem
Knaben, der im hohen Grase einschlief: „Und
über ihm ein Netze wirrt — Der Blumen leises
Schwanken — Durch das die Seele schmach-
tend irrt — In lieblichen Gedanken." Diesem
Schläfer und Träumer scheint Coester zu ähneln.
Der Horizont seines Weltbildes liegt tief. Um-
flossen, umrauscht von brüderlichen Elementen
und Geschöpfen, hebt er nicht den Kopf, um
von oben her in das Getriebe hineinzusehen.
Im Gewirre des nah herandrängenden Daseins
ist ihm wohl, weil er dieses Gewirre als eine
selige, paradisische Ordnung kennt. Die „flau-
menleichte Zeit der dunklen Frühe", die Mörike
besungen hat, ist die wesentlichste seiner Tages-

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