„SCHAFFENDE BETRACHTUNG"
Mit glühenden Worten schildert in den
„Lehrlingen zu Sais" Novalis die innigen
Beziehungen, in denen einst der Mensch zur
Natur gestanden, da es noch keinen Unterschied
zwischen Künstler und Nichtkünster gab, und
er predigt die Rückkehr zur „ursprünglichen
Funktion des Daseins, zur schaffenden Betrach-
tung". Dem modernen Zivilisalionsmenschen,
der in der Natur ein Forschungsobjekt oder
bestenfalls einen Anlaß zu ästhetischem Ge-
nuß sieht, mögen diese Mahnungen befremd-
lich klingen. Gleichwohl ist uns jene ursprüng-
liche Fähigkeit keinesfalls schon völlig verloren
gegangen. Auch wir noch vermögen beim An-
schauen der Natur eigene schöpferische Kräfte
zu entwickeln, das Werden ringsum, selbst den
anorganischen Stoff mit unserem Geiste zu be-
leben, wenn auch nur in einem bescheidenen
Maße. Wir hören kunstvolle Melodien im
Gezwitscher des Vogels, sehen bedeutsame
Bilder in den zufälligen Wolkenballungen und
glauben, in den verwitterten Formen des Fel-
sens ein Antlitz zu entdecken. Wohl ist das
Bild, das wir auf solche Weise von den Dingen
erhalten, anthropomorph. Und doch gibt es
keinen besseren Weg zur Erkenntnis als eben
die Projizierung des Ichs in die umgebende Welt,
deren eigenes, echtes Wesen nun mit wunder-
barer Klarheit zurückgeworfen wird, uns ver-
ständlicher denn je — eine ewige gegenseitige
Spiegelung von Mikrokosmos und Makrokos-
mos, in der alle Schranken, alle gedanklichen
Konstruktionen und Irrtümer untergehen.
Unsere Aufgabe ist, diese noch nicht ganz
verkümmerte Anlage — das aktive, bildende
Schauen — wieder zu pflegen und zur herr-
schenden unter allen Erkenntniskräften zu
machen. Hierbei kann uns die Kunst manche
Hilfe leisten. Sie kann uns als Medium dienen,
durch das wir uns der entfremdeten Natur
wieder nähern. Je mehr es uns gelingt, das tätige
Sehen des Malers nachzuerleben, der es schuf,
desto eher werden wir zu jener edleren Geistes-
haltung zurückfinden, von der Novalis spricht.
Daß aber nur Kampf und Überwindung zu
einem solchen Ziele führen, weiß auch der
Dichter. Denn „die Kunst des ruhigen Be-
schauens, der schöpferischen Weltbetrachtung
ist schwer, unaufhörliches ernstes Nachdenken
undstrenge Nüchternheit fordert die Ausführung,
und die Belohnung wird kein Beifall der mühe-
scheuenden Zeitgenossen, sondern nur eine
Freude des Wissens und Wachens, eine innigere
Berührung des Universums sein", e. huxdorff.
H. v. HÜGEL. »DER RADFAHRER« sammlung marcel monieux—paris.
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Mit glühenden Worten schildert in den
„Lehrlingen zu Sais" Novalis die innigen
Beziehungen, in denen einst der Mensch zur
Natur gestanden, da es noch keinen Unterschied
zwischen Künstler und Nichtkünster gab, und
er predigt die Rückkehr zur „ursprünglichen
Funktion des Daseins, zur schaffenden Betrach-
tung". Dem modernen Zivilisalionsmenschen,
der in der Natur ein Forschungsobjekt oder
bestenfalls einen Anlaß zu ästhetischem Ge-
nuß sieht, mögen diese Mahnungen befremd-
lich klingen. Gleichwohl ist uns jene ursprüng-
liche Fähigkeit keinesfalls schon völlig verloren
gegangen. Auch wir noch vermögen beim An-
schauen der Natur eigene schöpferische Kräfte
zu entwickeln, das Werden ringsum, selbst den
anorganischen Stoff mit unserem Geiste zu be-
leben, wenn auch nur in einem bescheidenen
Maße. Wir hören kunstvolle Melodien im
Gezwitscher des Vogels, sehen bedeutsame
Bilder in den zufälligen Wolkenballungen und
glauben, in den verwitterten Formen des Fel-
sens ein Antlitz zu entdecken. Wohl ist das
Bild, das wir auf solche Weise von den Dingen
erhalten, anthropomorph. Und doch gibt es
keinen besseren Weg zur Erkenntnis als eben
die Projizierung des Ichs in die umgebende Welt,
deren eigenes, echtes Wesen nun mit wunder-
barer Klarheit zurückgeworfen wird, uns ver-
ständlicher denn je — eine ewige gegenseitige
Spiegelung von Mikrokosmos und Makrokos-
mos, in der alle Schranken, alle gedanklichen
Konstruktionen und Irrtümer untergehen.
Unsere Aufgabe ist, diese noch nicht ganz
verkümmerte Anlage — das aktive, bildende
Schauen — wieder zu pflegen und zur herr-
schenden unter allen Erkenntniskräften zu
machen. Hierbei kann uns die Kunst manche
Hilfe leisten. Sie kann uns als Medium dienen,
durch das wir uns der entfremdeten Natur
wieder nähern. Je mehr es uns gelingt, das tätige
Sehen des Malers nachzuerleben, der es schuf,
desto eher werden wir zu jener edleren Geistes-
haltung zurückfinden, von der Novalis spricht.
Daß aber nur Kampf und Überwindung zu
einem solchen Ziele führen, weiß auch der
Dichter. Denn „die Kunst des ruhigen Be-
schauens, der schöpferischen Weltbetrachtung
ist schwer, unaufhörliches ernstes Nachdenken
undstrenge Nüchternheit fordert die Ausführung,
und die Belohnung wird kein Beifall der mühe-
scheuenden Zeitgenossen, sondern nur eine
Freude des Wissens und Wachens, eine innigere
Berührung des Universums sein", e. huxdorff.
H. v. HÜGEL. »DER RADFAHRER« sammlung marcel monieux—paris.
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