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Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 58.1926

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Breuer, Robert: Peter Jessen
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Bertelsson, Alexander: Vom Künstlermenschen
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https://doi.org/10.11588/diglit.9181#0286

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Peter Jessen f

ständigkeit und Fortschritt, zwischen Mögen
und Müssen. Peter Jessen wußte, daß Ge-
sinnung und Temperament ohne Klugheit und
Takt meist Zusammenbruch bedeuten; er war
ein Vermittler, er versuchte zu überreden und
hinüberzuleiten von der Tradition zur Entwick-
lung, aber auch von der trägen Gewöhnung
zum entschlossenen Versuch. Durch Peter Jes-
sen ist manch Unternehmer, manch Fabrikant,
manch Kaufmann, sind Produzenten und Kon-
sumenten aus der Anspruchslosigkeit aufge-
rüttelt worden; seine Bücher und Vorträge,
vorzüglich die von ihm veranstalteten Ausstel-
lungenwaren ein außerordentliches Pädagogium.

Überblickt man die vier Jahrzehnte seiner
öffentlichen Tätigkeit, so steht man überrascht
und bewundernd vor dem Umfang und der Viel-
seitigkeit seines gefühlswarmen Wissens und
dessen Anwendung. Seine ersten Veröffent-
lichungen galten dem Ornamentstich, aber nicht
um ihn als Eselsbrücke für Nachahmer zu emp-
fehlen, vielmehr um durch Erinnerung an die
Leistung der Väter die Augen für die Aufgaben
der Zeit frisch zu machen. Dann hat er sich in
wildem Wechsel mit der Dekorationsmalerei des
Barocks und des Rokokos, mit der präraffaeli-
tischen Sehnsucht, mit der Wohnungszivilisation
Englands, mit dem japanischen Holzschnitt be-
faßt, mit allen Disziplinen des Buchgewerbes,
mit der Typographie, dem Einband, dem Bunt-
papier, mit alter und neuer Schreibkunst, mit
Textilik und Schreinerei, mit Grabkreuzen und
Posamenten, mit Gartenarchitektur und Photo-
graphie, mit den blonden Möbeln und dem
schwarzen Silber Dänemarks, mit den Samm-
lungen Amerikas und Ostasiens, mit den Kunst-
theorien des neuen Rußlands, mit Zeichenunter-
richt und Handfertigkeit, mit der Kunst auf dem
Lande, dem niedersächsischen und schwarz -
wälder Haus, mit Keramik und deren Glasur-
experimenten, mit der Mode, dem Schau-
fenster und den Bellingschen Konfektionspup-
pen. Über alle diese Dinge, deren Gesetze und
Geschichte, deren Natur, Forderung und Bei-
spiel hat er geschrieben. Nie viel. Meist nur
zehn bis zwanzig Druckseiten, Einleitungen zu
Abbildungswerken, die er zusammengestellt,
oder Kataloge von Ausstellungen, die er selbst
besorgt und aufgebaut hatte. Peter Jessen war
ein besonders glücklicher Typ des Journalisten:
im weiten Umkreis alles erfassend, was interes-
sant und wichtig ist, alles in Verbindung setzend
mit Bedürfnissen der Stunde und ihrer Arbeit,
alles auf knappe Formeln bringend, das Neben-
sächliche abstoßend, das Wesenhafte hervor-
rückend, alle und alles begreifend. Ein rasender
Reporter des künstlerischen Geschehens, aber

auch ein Regisseur solch ständigen Werdens.
Kein Gelehrter alten Schemas, kein Bücher-
wurm: ein besinnlicher Mann gepflegter Tat.
Ein Kampfgenosse Derer, die guten Willens
sind, Kompromissen zugänglich und Fanatiker
ablenkend. Peter Jessen stand bei der Jugend,
ohne dem Alter die Hand zu entziehen. Ein
Geheimrat, der ebenso pfiffig wie versunken
zusah, wie ein Hobel ausgeblasen, eine Farbe
gemischt, ein Webstuhl eingestellt wurde. Re-
spektvoll vor dem Künstler, ihn aber zugleich
als Objekt für seine Kunstpolitik benutzend.

Der umfassendste und bleibendste Ausdruck
des Wesens Peter Jessens ist die öffentliche
Bibliothek, deren Leiter er 1886 geworden war.
Sie gehörte damals zum Kunstgewerbe-Museum
und heißt heute Staatliche Kunstbibliothek. Eine
mustergültige Sammlung, ein unentbehrliches
Hilfsmittel für Künstler und Kunstfreunde, für
Architekten und Handwerker, für Forscher und
Genießer. Ohne bureaukratische Schwierigkeit,
ohne Legitimation, ohne Kosten und ohne Zeit-
verlust erhält man alles, was der Praktiker oder
Theoretiker, was man für das Allgemeine oder
das Spezielle braucht. Eine reibungslose Orga-
nisation, ein selbstdenkender Katalog, eine
Bibliothek nicht nur der Worte, vorzüglich
der Anschauung. Umfangreiche Sammlungen
von Photographien, Handzeichnungen, Stichen,
Schnitten und Schriften aller Völker und Zeiten
bilden ihren Kern. Nicht der Zufall hat solchen
Reichtum zusammengebracht. Peter Jessen war
der Motor, der rastlos, Fangarme ausstreckend,
Mäzene einfangend, werbend und ordnend dies
Werk lebendig und immer expansiv erhielt.
Generationen werden ihm das nicht vergessen.


VOM KÜNSTLERMENSCHEN

Mannigfache Kenntnisse, großes Talent und
eminente Geschicklichkeit", sagt Hans
vonMarees, „dienen schließlich zu nichts". Und
ein anderes Mal: „Darum muß ich immer wie-
der von neuem es hineinverflechten, daß der
Künstler auf seine menschlichen Eigenschaften
die größte Aufmerksamkeit verwenden soll;
ebenso auf seine Beziehungen zu den Menschen".
In ähnlichem Sinne sprach sich kürzlich Richard
Schaukai aus: „Ein großer Künstler, das ist
ein sittlicher Mensch. Oskar Wilde hat die
Behauptung gewagt, Künstlertum wäre vom
Ethos der Persönlichkeit derart unabhängig, daß
die künstlerische Größe auch des Verbrechens
über die sittliche Qualifikation des Urhebers
triumphieren könnte. Nun — Wilde selbst ist
das erschütterndste Beispiel für die in sich zu-
sammensinkende Hybris solchen herausfordern-
 
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