VOM ETHISCHEN WERTAKZENT IM BILDNERTUM
VON A. BERTELSSON—DRESDEN
Die Keime einer bedeutsamen künstlerischen
Tätigkeit liegen im Herzen und nicht in
der Hand oder im Kopf. So wenig Gelehrsam-
keit und Weisheit identische Begriffe sind, so
wenig sind Geschicklichkeit und Erfindungs-
gabe Merkmale künstlerischer Veranlagung. Im
künstlerischen Bewußtsein, im Verant-
wortungsgefühl gegenüber der Mission und der
Achtung der Urmitgift überlegener Geistigkeit,
liegen die Keime, und in der Hervorbringung
dieses künstlerischen Bewußtseins liegt die Be-
deutung der künstlerischen Tätigkeit; die Bild-
werke sind nur Resultate dieser Tätigkeit. Sie
ist keine Erkenntnistätigkeit und ist mit einem
wissenschaftlich-spekulativen Sinn nicht verein-
bar. Kunst ist auch kein ästhetentümliches
Kunstmachenwollen, auch kein Lustwandeln
der Phantasie, weitab von steinigen Pfaden
des Lebens, sondern immer nur ein Ganzes,
immer nur das Einssein oder Einswerden
von Leben und Schaffen, von Künstler
und Mensch.
Der Künstler erfüllt eine Mission. Deshalb
gilt ihm das Werk weniger als seine künstle-
rische Tätigkeit; sein kleiner Name weniger
als seine Wirksamkeit — deshalb gilt ihm
die Befriedigung von Eitelkeiten oder mate-
rieller Interessen nichts. — Der wahrhafte
Künstler ist Märtyrer, weil er auf alles ver-
zichten kann — nur nicht auf seine Wirksam-
keit, und weil er alle Leiden und Plagen, alle
Not und Bitternis geduldig trägt, um seiner Mis-
sion willen, die er glaubt erfüllen zu müssen.
Somit ist das künstlerische Schaffen auch keine
egozentrische Angelegenheit eines Subjekts,
keine Selbstbefriedigung, sondern es ist viel-
mehr eine um öffentliche, menschliche Geltung
ringende Wirksamkeit.
Goethe sagte einmal: „Gerade in Zeiten
größter Not bedürfen wir der Kunst."
Warum wohl? Weil in Zeiten des Siechtums
eines Volkes die Kunst die Symbole werthal-
tigen Empfindens und menschlichen Gewissens,
Handelns hochgehalten hat. Worte, Töne, Far-
ben und Stein enthüllten dem Volke erst das
Wesen und den Inhalt des Leidens und rissen
empor zu neuer Menschlichkeit. Was erzählen
anderes alle die zerbrochenen Bildersäulen,
alle die Trümmerhaufen edelster Kunst? . . .
Wohl steht heute eine neue Menschheit,
materialisierte, mechanisierte auch hinter den
künstlerischen Bestrebungen unserer Zeit. Aber
unserer Kunstproduktion fehlt das Echo. —
Warum wohl? Weil sie im negativen Subjek-
tivismus wurzelt. Wir können uns nicht be-
freien von einem konvulsivischen Individualis-
mus. Wir sind gesperrt in einen kleinen Kreis
des egozentrischen Subjekts und können des-
halb die Totalität des Menschlichen garnicht
konzipieren. So fehlt unserer Produktion das
Echo, weil der Glauben an einen höheren Her-
zensgehalt, einen ethischen Wertgehalt der
Kunst fehlt. Über dieses Manko der Veran-
lagung des modernen Menschen hilft auch kein
Kunst-„Ismus", kein Programm hinweg. Es fehlt
der Glauben an eine höhere Mission des Künst-
lers, und so benutzt man die Kunst, um Eitel-
keiten oder den Luxusbedarf zu befriedigen.
Aber nur aus dem Glauben an einen höheren
Sinn und eine höhere Bedeutung der Kunst kann
der Schauplatz einer Kunstproduklion gefun-
den werden, der geeignet wäre, die immer vor-
handenen, reichen künstlerischen Kräfte zu ver-
sammeln und ins Allgemeine wirken zu lassen.
Gottlob, man steht heute doch wenigstens
dieser Frage perspektivischer gegenüber. Allent-
halben sind neue Ansätze erkennbar. Man wird
sachlicher, man schafft allgemeinverständlicher,
gegenständlicher.
Es ist ein erfreuliches Sympton unserer Tage,
daß die Zahl der ausübenden Bildner, die sich
wieder erhabeneren Zielen und Aufgaben zu-
wenden, wächst. Vielleicht ist die Zeit nicht
mehr so fern, wo man den Künstler wieder
als Diener einer der höchsten Angelegenheit
menschlicher Geistestätigkeit ehren wird. a. b.
★
Alles, was wir Erfinden, Entdecken im höhe-
Xa. ren Sinne nennen, ist die bedeutende Aus-
übung, Betätigung eines originalen Wahrheits-
gefühles, das, im stillen längst ausgebildet, un-
versehens mit Blitzesschnelle zu einer frucht-
baren Erkenntnis führt. Es ist eine aus dem
Innern am Äußern sich entwickelnde Offen-
barung, die den Menschen seine Gottähnlichkeit
ahnen läßt. Es ist eine Synthese von Welt und
Geist, welche von der ewigen Harmonie des
Daseins die seligste Versicherung gibt, goethe
*
VON A. BERTELSSON—DRESDEN
Die Keime einer bedeutsamen künstlerischen
Tätigkeit liegen im Herzen und nicht in
der Hand oder im Kopf. So wenig Gelehrsam-
keit und Weisheit identische Begriffe sind, so
wenig sind Geschicklichkeit und Erfindungs-
gabe Merkmale künstlerischer Veranlagung. Im
künstlerischen Bewußtsein, im Verant-
wortungsgefühl gegenüber der Mission und der
Achtung der Urmitgift überlegener Geistigkeit,
liegen die Keime, und in der Hervorbringung
dieses künstlerischen Bewußtseins liegt die Be-
deutung der künstlerischen Tätigkeit; die Bild-
werke sind nur Resultate dieser Tätigkeit. Sie
ist keine Erkenntnistätigkeit und ist mit einem
wissenschaftlich-spekulativen Sinn nicht verein-
bar. Kunst ist auch kein ästhetentümliches
Kunstmachenwollen, auch kein Lustwandeln
der Phantasie, weitab von steinigen Pfaden
des Lebens, sondern immer nur ein Ganzes,
immer nur das Einssein oder Einswerden
von Leben und Schaffen, von Künstler
und Mensch.
Der Künstler erfüllt eine Mission. Deshalb
gilt ihm das Werk weniger als seine künstle-
rische Tätigkeit; sein kleiner Name weniger
als seine Wirksamkeit — deshalb gilt ihm
die Befriedigung von Eitelkeiten oder mate-
rieller Interessen nichts. — Der wahrhafte
Künstler ist Märtyrer, weil er auf alles ver-
zichten kann — nur nicht auf seine Wirksam-
keit, und weil er alle Leiden und Plagen, alle
Not und Bitternis geduldig trägt, um seiner Mis-
sion willen, die er glaubt erfüllen zu müssen.
Somit ist das künstlerische Schaffen auch keine
egozentrische Angelegenheit eines Subjekts,
keine Selbstbefriedigung, sondern es ist viel-
mehr eine um öffentliche, menschliche Geltung
ringende Wirksamkeit.
Goethe sagte einmal: „Gerade in Zeiten
größter Not bedürfen wir der Kunst."
Warum wohl? Weil in Zeiten des Siechtums
eines Volkes die Kunst die Symbole werthal-
tigen Empfindens und menschlichen Gewissens,
Handelns hochgehalten hat. Worte, Töne, Far-
ben und Stein enthüllten dem Volke erst das
Wesen und den Inhalt des Leidens und rissen
empor zu neuer Menschlichkeit. Was erzählen
anderes alle die zerbrochenen Bildersäulen,
alle die Trümmerhaufen edelster Kunst? . . .
Wohl steht heute eine neue Menschheit,
materialisierte, mechanisierte auch hinter den
künstlerischen Bestrebungen unserer Zeit. Aber
unserer Kunstproduktion fehlt das Echo. —
Warum wohl? Weil sie im negativen Subjek-
tivismus wurzelt. Wir können uns nicht be-
freien von einem konvulsivischen Individualis-
mus. Wir sind gesperrt in einen kleinen Kreis
des egozentrischen Subjekts und können des-
halb die Totalität des Menschlichen garnicht
konzipieren. So fehlt unserer Produktion das
Echo, weil der Glauben an einen höheren Her-
zensgehalt, einen ethischen Wertgehalt der
Kunst fehlt. Über dieses Manko der Veran-
lagung des modernen Menschen hilft auch kein
Kunst-„Ismus", kein Programm hinweg. Es fehlt
der Glauben an eine höhere Mission des Künst-
lers, und so benutzt man die Kunst, um Eitel-
keiten oder den Luxusbedarf zu befriedigen.
Aber nur aus dem Glauben an einen höheren
Sinn und eine höhere Bedeutung der Kunst kann
der Schauplatz einer Kunstproduklion gefun-
den werden, der geeignet wäre, die immer vor-
handenen, reichen künstlerischen Kräfte zu ver-
sammeln und ins Allgemeine wirken zu lassen.
Gottlob, man steht heute doch wenigstens
dieser Frage perspektivischer gegenüber. Allent-
halben sind neue Ansätze erkennbar. Man wird
sachlicher, man schafft allgemeinverständlicher,
gegenständlicher.
Es ist ein erfreuliches Sympton unserer Tage,
daß die Zahl der ausübenden Bildner, die sich
wieder erhabeneren Zielen und Aufgaben zu-
wenden, wächst. Vielleicht ist die Zeit nicht
mehr so fern, wo man den Künstler wieder
als Diener einer der höchsten Angelegenheit
menschlicher Geistestätigkeit ehren wird. a. b.
★
Alles, was wir Erfinden, Entdecken im höhe-
Xa. ren Sinne nennen, ist die bedeutende Aus-
übung, Betätigung eines originalen Wahrheits-
gefühles, das, im stillen längst ausgebildet, un-
versehens mit Blitzesschnelle zu einer frucht-
baren Erkenntnis führt. Es ist eine aus dem
Innern am Äußern sich entwickelnde Offen-
barung, die den Menschen seine Gottähnlichkeit
ahnen läßt. Es ist eine Synthese von Welt und
Geist, welche von der ewigen Harmonie des
Daseins die seligste Versicherung gibt, goethe
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