Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 67.1930-1931

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ZUR EHRENRETTUNG DES BEGRIFFS „MODERN"

VON DR. OSKAR SCHÜRER

Moderne Wohnung" — das leuchtet heute
allgemein ein. Man denkt an die praktische
Küche, andasgroßeBadezimmer, an die hübschen
neuartigen Fenstereinrichtungen und an einge-
baute Schränke. Spricht man von „Modernen Bil-
dern", so wird die Aufnahme unseres Begriffs
schon zweifelhafter. Manch einer verbirgt seine
Angst, „unmodern zu erscheinen", noch hinter be-
klommenerAnerkennung. Doch derDurchschnitt
rümpft schon die Nase und bekennt ganz offen:
laßt mich mit eurer Moderne! Sie ist unbequem.

Interessant festzustellen, daß die Moderne,
wo es aufs Wohnen ankommt, als bequem, wo
es aber auf Sehen, auch aufs Hören ankommt,
als unbequem empfunden wird. Manche Fol-
gerungen ließen sich diesem Tatbestand an-
schließen. Wir begnügen uns mit der Feststellung,
daß ein Begriff, der je nach der Materie seiner An-
wendung so verschiedene Rückäußerungen aus-
lösen kann, doch etwas fraglich geworden sein
muß im Allgemeinbewußtsein. Und wo einige
Fraglichkeit schon einsetzt, da ist breitere Ab-
wertung nicht mehr fern. Kein Zweifel: der
Begriff „Modern" hat an seinem ursprünglichen
Glänze heute viel eingebüßt. Vor allzuvieler
Anwendung verschwimmt er zu fader Allgemein-
heit. Und vom Verlegenheitsausdruck zum
Schimpfwort ist nie sehr weit.

Was meint nun der Begriff „Modern" im
wahren Wortsinn? Wir wollen hier nicht Ety-
mologie treiben, auch nicht an Mode und
dem davon abgeleiteten Gegenbegriff unseres
„Modern", dem „Modischen" anknüpfen. Wir
setzen ganz allgemein das Moderne als das
Neue, das ein Altes ablöst. Aber nicht das
Neue um des Neuen willen, sondern um einer
neuen Richtigkeit willen. Das scheint hier ent-
scheidend. Das Moderne will das Richtige. Jeder
Neuerer, der um eine aufrichtige Moderne
kämpfte, wollte eine neue Richtigkeit an Stelle
einer abgelebten setzen; ja, war er von echtem
Glauben getrieben, so wollte er die Richtigkeit
an Stelle des Falschen setzen, ein Dauerndes an
Stelle momentaner Verirrungen. Wir glauben
berechtigt zu sein zu der Behauptung, daß jeder
echte Neuerer getrieben war von der Über-
zeugung, daß er die wahre Form der Dinge, der
Zustände, der Gebilde erfüllen müsse, daß er
den Ursinn der Formen wieder erlöse. Ein Zu-
rück zum Wahren —■ das ist wohl immer aller-
meister Antrieb zur „Moderne" gewesen. Daß
dies nicht im Sinne reaktionärer Zukunftsscheu

gemeint ist, im Gegenteil: im Sinne allertiefsten
Zukunftsglaubens, — das braucht nach dem
oben Gesagten wohl nicht betont zu werden.

Sehr klarwurden diese Gedanken einmal von
einem großen Neuerer unserer Zeit, von Henry
van de Velde ausgesprochen (Europäische Revue,

V. 2. S. 116 ff.). ......Hier ist der Zeitpunkt,

an dem wir den berufsmäßigen Neuerern zu-
rufen müssen, daß das „Neue" uns aus den
tiefsten Anfängen der Menschheit gekommen ist,
daß die Quelle in der Überlegung, im Nachdenken,
in der Suche nach der einfachsten Lösung liegt,
weil diese zugleich die befriedigendste in Bezug
auf Form und Gestalt für den besonderen Zweck,
für den wir sie schufen, sein muß.

Die Zukunft des Neuen ist nur gesichert, wenn
wir es an der ewigen Quelle, mit den ewigen
Mitteln suchen. Man schafft nichts Neues, man
findet nichts Neues außerhalb der Ewig-
keit. Bringt uns etwas Neues, das aus noch so
alter Zeit stammt, von noch so weit herkommt;
wir werden es anerkennen und ihm Beifall
spenden. Aber leider gibt es zu viele, die bemüht
sind, bei dem Publikum die Gier nach dem
falschen Neuen aufrecht zu halten . . . ."

Diese Gier nach dem falschen Neuen, von
der van de Velde hier spricht, sie ist es, die
den wahren Begriff von „modern" gefährdet.
Noch einmal: Modern ist nicht ein Neues um
jeden Preis, es ist ein Richtiges (wobei der
Maßstab einer bleibenden Richtigkeit natürlich
erst von der Folgezeit erstellt werden kann).
„Das Publikum verwechselte unsere Bemühung
um eine erneuerte und geläuterte Erkennt-
nis der Gestaltungsmittel mit einer grundsätz-
lichen Erfindungsgabe, die es uns erlauben
würde, immer wieder „etwas Neues" zu bringen.
Während wir ein Neues ins Auge faßten, das
dauern sollte, erwartete das Publikum von uns
etwas Neues, das sich ständig erneuern würde,
und war infolgedessen über uns enttäuscht . . "

Die Sensation des „Neuen", sie ist die Gefahr
des „Modernen". Unsere heutigen Anstreng-
ungen in Richtung auf ein Modernes hin stehen
und fallen mit unserm Glauben daran, daß sie
etwas Richtiges wo nicht schon sind, so doch
bringen werden. Auch wo wir vom Übergangs-
charakter des jeweilig Modernen überzeugt sind,
müssen wir doch in diese Überzeugung den
Glauben tragen, daß es ein Übergang zu einem
Dauernden ist. Zumindest der Wurf nach einem
Dauernden hin. Nur das ist „Modern". . . o. s.
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