Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 67.1930-1931

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A madco Alodigliani

lastete zu schwer auf ihm, als daß er ihrem
Drucke hätte widerstehen können. Er war der
„Prinz" unter den Malern, wurde stets gefeiert
und umschwärmt und war immer bereit bei
nächtlichen Gelagen und Festen seine schon
überreizte Phantasie zu übersteigern. Er fand
nur wenige Käufer für seine Bilder, geriet in
Not und Elend und lag bald verhungert und
schwer erkrankt auf der Straße. Ohne Obdach
führte er ein jammervolles Leben, zeichnete die
Gäste in einem Kabarett und die Besucher der
Cafeterrassen; er lebte stets in seinen Visionen,
Träumen und Rauschzuständen und hörte nur
von ferne den Kriegsruf der Künstler, die aus
dem Chaos der zertrümmerten Formen den
neuen Sternen entgegenschritten: Matisse und
Picasso. Modigliani hielt sich fern von aller
Programmkunst. Er selbst war innerlich zu
reich, zu sehr mit eigener Energie erfüllt, als
daß er sich zu der neuen Kunst, die soeben
geboren wurde, hätte bekennen mögen. Er
verfolgte seinen eigenen Weg und hinterließ
ein künstlerisches Werk, das uns heute in seiner
geklärten Form und den emailhaft leuchtenden
Farben einen End- und Ruhepunkt und zugleich
einen letzten Ausdruck einer alten Kultur be-
deutet. Dabei war Modigliani ein junger, ja
entwurzelter Mensch und stand inmitten der
größten Umdeutung aller künstlerischen Werte.
Der Impressionismus war die letzte große Welle,

die alles überflutet hatte und die um die Jahr-
hundertwende ein letztes Mal die ganze Kunst
umschloß. Matisse, Picasso, Vlaminck und
Derain begannen jedoch, die alten Formen zu
sprengen und aus diesem Chaos heraus neue
Wege zu finden. Modigliani stand inmitten
dieser zerrissenen und zerspaltenen Welt und
erfüllte sein Werk in völliger Abseitigkeit. Na-
türlich beschäftigte auch ihn der Kubismus, aber
er konnte ihn nicht bis in seine letzten Konse-
quenzen verfolgen.

1909 versuchte er sich in der Skulptur. Er
hat nur wenige Köpfe aus dem Stein gehauen,
aber sie zeigen seinen ganzen Formwillen in
der starken Bändigung des Volumens und dem
übersteigerten Ausdruck bei größter Verein-
fachung. Modigliani hatte große Pläne für pla-
stische Werke, aber sein Leiden und seine Ar-
mut gestatteten nicht deren Verwirklichung.

In seinen Zeichnungen zeigt er eine subtile
treffsichere Hand, eine leidenschaftliche, fast
liebkosende Strichführung und eine Ausdrucks-
kraft der Silhouette, wie sie vor ihm nur einem
Toulouse-Lautrec und neben ihm nur einem
Picasso eigen war.

Seine Bilder besitzen die gleichen Vorzüge,
wie seine Skizzenblätter. Der Kontur seiner
Bildnisse und Akte ist von höchstem Leben
erfüllt und die Farben seiner Gemälde leuchten
wie funkelnde Steine............ dr. f. n.

DER WEG DER KUNST

Sehr viele neue Kunstrichtungen, wie sie
nacheinander in der Geschichte aufgetreten
sind, haben sich auf die „Natur" berufen. Denn
was wir „Natur" nennen, ist unerschöpflich.
Der Realismus des 19. Jahrhunderts verstand
unter „Natur" die Lebenswahrheit im Motivi-
schen , der Impressionismus die malerische
Wahrheit der Atmosphäre, die Neue Sachlich-
keit die genaue formale Tatbestands-Aufnahme
der Dinge. Andere „Realismen" haben die
rasche Erfassung des transitorischen Augen-
blicks in der Bewegung gemeint (wie z. B. die
ältere japanische Kunsl), wieder andere die
Beachtung des sozial und sittlich Niedrigen
oder Derben (Malerei der Spätgotik mit ihren
realistischen Volkstypen, sog. Elendsmalerei
des Naturalismus). So liegen auch für die Zu-
kunft noch unzählige Möglichkeiten vor, neue
Seiten an der „Natur" herauszuheben. Wobei
die Erkenntnis von vornherein festzustellen
hat, daß es zu einer vollständigen Deckung
zwischen Natur und Kunst zwar niemals kom-
men kann, daß aber gerade in diesem „unmög-

lichen" Unterfangen, in diesem ständigen Mes-
sen der Kunst an der Natur die mächtigste
Triebkraft zur künstlerischen Entwicklung liegt.

Auch das geistige „Weltbild" des Menschen
wird niemals zu einer vollständigen Deckung
mit der „Weltwirklichkeit" kommen — das
sehen wir nur zu deutlich an der Lückenhaftig-
keit sämtlicher „Weltbilder", die bisher auf-
gestellt worden sind. Aber nur, indem unser
Weltbild ständig mit heißem Bemühen diese
unerreichbare Weltwirklichkeit umkreist, emp-
fängt es dauernd von ihr, wie die Planeten von
der Sonne, Licht und Leben. Mit Hinblick auf
das endgültige „Ziel" mag das Streben der
Kunst, die Natur völlig in sich zu fassen, als
Sisyphus-Arbeit zu betrachten sein. Aber mit
Hinblick auf den Weg, zu dem die Kunst da-
bei angespornt wird, ist diese Sisyphus-Arbeit
von unerhört fruchtbringender, segenspenden-
der Bedeutung. Der Mensch ist auch als Künst-
ler jenes merkwürdige Wesen, das sich Über-
menschliches zumutet und gerade dadurch
das Menschliche erreicht.....Wilhelm michel.
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