Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 67.1930-1931

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HALLE D

STAATL. PORZELLAN-MANUFAKTUR BERLIN

PORZELLAN-MANUFAKTUR —BERLIN

AUSSTELLUNG >ALTES BERLIN«

STAATLICHE PORZELLAN-MANUFAKTUR-BERLIN

Seitdem Freiherr von Pechmann die Leitung
der Staatlichen Porzellan-Manufaktur über-
nommen hat, spricht man wieder mit Respekt
von diesem berühmten Institut. Ein unterrich-
teter, geschmackvoller und tatkräftiger Mann
hat die Sache ins rechte Geleise geschoben und
zu Ansehen gebracht; recht eigentlich durch
Anknüpfen an die ruhmvolle Tradition der
Manufaktur. Das heißt nicht etwa, daß von
Pechmann die bis zum Überdruß kopierten und
nachgeahmten Muster des 18. Jahrhunderts und
des Klassizismus auf eine tausendunderste Art
nochmals hat abwandeln lassen, sondern im
Gegenteil: er hat die Tradition geistig verstan-
den und aus dem Formgefühl unserer Gegen-
wart das Neue, das Zeitgemäße geschaffen.

Und dieser frische und erneuerungsliebende
Geist hat sich nicht damit begnügt, in der Stille
von Büro und Formsaal Neues zu ersinnen,
Künstler moderner Gesinnung, wie Seewald
und Ludwig Gies mit plastischer Formung und
Tafeldekor zu beauftragen, von Ruth Schau-
mann und Marguerite Friedlaender-Wildenhain
anmutiges Gebrauchsgeschirr herstellen zu las-
sen, dem Reichbewegten auch die Strenge kon-
struktiver Form in Gestalt von „Geschirr für
die neue Wohnung" zu gesellen, knapp, sach-
lich und ornamentlos, und zu allem übrigen die

Gebrauchsformen für physikalische und che-
mische Zwecke als wesentlichen Produktions-
faktor der Fabrik mit schöner Kühnheit der
Sachgestalt heranzuholen, sondern er hat auch
das Wichtigste getan, was in einer so schwie-
rigen Position vonnöten ist und seiner Tätigkeit
materielle Berechtigung gibt: er hat die wirt-
schaftlichen Möglichkeiten der Porzellanindu-
strie in unserer Gegenwart der Krisen erkannt
und das Mittel gefunden, der Manufaktur zu
kaufmännischem Gedeihen zu verhelfen. Denn
alle Schönheit der Geräte und der Kunst-
werke kann nichts nützen, wenn sie nicht ge-
kauft werden. Die Vereinigung der Kunst mit
der Wirtschaftlichkeit macht erst die Vollen-
dung einer solchen Kunstanstalt aus. So hat,
parallel mit der modernen Formentwicklung,
eine geschickte und geschmackvolle Propaganda
für dieses neu errungene Gut eingesetzt in Ge-
stalt von Ausstellungen der Berliner Porzellan-
Manufaktur. Im laufenden Jahr sind allein
zwölf größere Sonderkollektionen vorgeführt
worden; von der wahrhaft vorbildlichen Aus-
stellung im Rahmen von „Alt-Berlin" auf dem
Witzlebener Gelände und der vortrefflichen
Schau in der Preußischen Gesandtschaft in Mün-
chen an, zu Dresden, Hagen, Lübeck, Stuttgart,
bis zu Orten wie Dessau, Liegnitz, Neuß und

XXXIV. Januar 1931. 5
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