Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 67.1930-1931

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PROFESSOR Dr. Ing. E. h.

JOSEF HOFFMANN
WIEN

60 JAHRE

15. DEZEMBER 1930

Josef Hoffmann hat am 15. Dezember das
sechzigste Lebensjahr erreicht. Daten dieser
Art sind geeignet, den Blick von den Details
eines Lebenswerkes auf seine Ganzheit zu len-
ken, auf den Mann selbst und die innere Ver-
bundenheit seiner Leistungen, auf den Geist,
der ihn treibt. Wer ist Josef Hoff mann? Dank
und Freude aller Kunstfreunde Europas geben
die Antwort, daß er die wichtigste Erschei-
nung der heutigen österreichischen Kunst ist,
der richtunggebende Organisator, der energisch
führende Lehrer, der in Bau- und Gewerbekunst
charakteristische und charaktervolle Schöpfer.
Josef Hoffmann verkörpert in seiner Person
die Tradition eines großen Abschnittes Wiener
Kunst. Er ist für sie repräsentativ durch die
echte und gründliche, leise und verhaltene Art,
mit der er den „Dauerton" österreichischen Sin-
nens und Darstellens durch die Jahrzehnte trägt.
Die Heiterkeit Wiens hat bei ihm einen Adel
geistiger Freiheit, es ist ihr eine feine Art
von Ernst beigemischt, die sie in die Nähe
klassizistischer Heiterkeit rückt. Der überlegene,
kühle, prüfende Blick, der ihm eigen ist, geht
in seinen Schöpfungen auf als Zucht und Ord-
nung der Form, als ein Akzent der Weisheit,
der Gelassenheit und der inneren Dämpfung.

Als künstlerischer Leiter der Wiener Werk-
stätte, als Organisator zahlreicher Ausstellun-
gen, namentlich auch repräsentativer Darbie-
tungen Wiener Kunst im Auslande, als Schöpfer
vornehmer Wohnbauten und Innenräume, sowie
in einer ausgedehnten kunstgewerblichen Be-
tätigung hat er stets diesen Geist bewährt. '

Am 15. Dezember 1870 zu Pirnitz in Mähren
geboren, besuchte er zunächst die staatliche
Kunstgewerbeschule in Brünn und dann seit
1892, nachdem er ein Jahr lang in Würzburg
praktisch gearbeitet hatte, die Wiener Aka-
demie der bildenden Künste. Er war dort Schüler
von Hasenauer und Otto Wagner und wurde
nach kurzer Zeit Assistent des letzteren. Im
Jahre 1889 übernahm Hoffmann die Lehrstelle
für Architektur an der Kunstgewerbeschule des
österreichischen Museums für Kunst und In-
dustrie in Wien. Hier konnte er endlich seine
hervorragenden erzieherischen Fähigkeiten be-
währen. Wie er selbst durch ein kühnes Um-
denken, durch neue, persönliche Anschauung
die schöpferischen Kräfte seines Innern freigelegt
hatte, so lief auch seine Lehrmethode darauf
hinaus, das Persönliche, nämlich eigenes Denken
und selbständiges Gestalten, in den Schülern
zu wecken. Er band sie nicht an formale Re-

XXXIV. Januar 1931. 6*
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