Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 67.1930-1931

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CHARLOTTE RADNITZ-SCHROETTER

GEMÄLDE »BELLA VENEZIA« 1930

ZUR AUSSTELLUNG DER „PRAGER SEZESSION"

Diese zweite Ausstellung setzt die Bemüh-
ungen um Sammlung moderner deutscher
Kunst in derTschechoslowakei fort, ohne wesent-
liche neue Erscheinungen aufweisen zu können.
Bereicherung erfuhr die Ausstellung vor allem
durch stärkere Heranziehung von Gästen. Drei
schöne frühe Bilder von Kokoschka, ein sehr
dekorativer Karl Hof er, ein bezeichnender
Max Beckmann und ein sehr interessanter
Wilhelm Thöny (Graz) gaben der Darbietung
sinnvolle Ausblicke. Von auswärtigen Mitglie-
dern sandten aus Paris Georg Kars und Richard
Schroetter sehr schöne Arbeiten. Kars gehört
heute zu jenen geschlossenen Künstlerpersön-
lichkeiten , die aus reichem Erfahrungsschatz her-
aus reizvollste Schöpfungen gestalten. Schroet-
ter arbeitet noch am Aufbau eines solchen Er-
fahrungsschatzes. Seine stark entwickelte Form-
gewandtheit hat sich neuerdings mit so leben-
dig fließender, in sich bereicherter Farbigkeit
beschwingt, daß schönste Leistungen zu erwar-
ten sind. Sein Frauenbildnis zeigt schon diese
neue strömende Farbigkeit innersten Erlebens.
Vielleicht erkennt man allmählich auch in Prag,
daß hier ein wirklicher Maler im Aufstieg ist.

Aus Alfred Kubins Welt grüßen hier zahl-
reiche Blätter. Es beglückt, sie in diesem Um-
kreis zu finden! Kubin ist nicht nur die stärkste,
sondern auch die eigenste bildnerische Be-
gabung, die das Sudetendeutschtum der letzten
Generationen hervorgebracht hat. Sie sagt von
Kernkräften seines Volkes mehr aus, als man
bei dieser so unbedingt erscheinenden Begabung

erwarten möchte. — Anders geartet, im wesent-
lichen ebenso volkhaft bedingt, scheint uns
Josef Hegenbarths Phantastik. Aber nicht
so sehr seine Zirkusblätter als vielmehr seine
ganz ausgezeichneten Bildnisköpfe (Zeichnung)
zwingen uns auf dieser Ausstellung zu echter
Bewunderung. — Fritz Feigl sendet aus Berlin
einige Bilder, in denen man mit Freuden eine
neue Klärung und Festigung wahrnimmt, die
doch nirgends den zarten, bei Feigl so reizvollen
Grundton bedrängen. Koligs große Stücke
einer pathetischen Geladenheit, Dobrowskys
schön ausgereifte Arbeiten mit ihrem latenten
Traum von Klassik — das sind Gegensätze, aus
denen sich die Veranlagung dieses Volkes in
Umrissen ausdeuten ließe.

Und wer blieb im Land? Wer kam zurück?

Aus Prag ist vor allem Willy Nowak zu
nennen. Man kennt diesen Künstler aus sehr
kultivierten, formbewußten Schöpfungen seiner
Berliner Zeit. Vor einigen Jahren wurde er
nach Prag als deutscher Professor an die Kunst-
akademie berufen. Ein Glück für diese Anstalt,
für die deutsche Kunst im Lande überhaupt.
Denn Nowak bringt außer der starken eigenen
Note ein tiefes Verständnis für junge Begabungen
in die etwas verrostete Atmosphäre offizieller
sudetendeutscher Kunst. Dabei ist er Maler von
Geblüt, zartester Fabulierer in Farben, klarst
empfindender Formenmensch. Daß er so streng
die Form sucht, verleiht ihm ganz besondere
Bedeutung in einer Umgebung, die so selten zu
wirklichem Formbewußtsein zu bringen ist. Die

XXXIV. Februar 1931. 3*
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