Unteritalische Tragödienvasen.
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legebl. 1889, T. XI, 2, Baumeister, Denkmäler, S. 114, vgl. Vogel, S. 100). Im
Innern der Halle stehen, in die Intercolumnien verteilt, drei Personen.
Diese säulengesclimückten Bauten stellen, wie die vorgeführten Ereignisse er-
weisen, durchweg Paläste vor, und die Vorbilder für solche, mit Giebeln ausge-
stattete Paläste wird man im IV. Jahrhundert schwerlich anderswo als im Theater
suchen dürfen. In der That spiegeln diese Vasenbilder auch noch in manchen
anderen Eigenheiten, namentlich in der Tracht und Anordnung der Figuren, die
Sitten des Theaters wieder. Auch der Gedanke, den Hauptpersonen ihren Platz
innerhalb der Halle anzuweisen, mag dadurch angeregt sein, dass manche Auf-
tritte der Tragödien in den Vorhallen der Paläste sich abspielten (vgl. S. 205).
Aber diese allgemeinen Ubereinstimmungen dürfen nicht zu der Annahme
verleiten, dass auch wirklich jedes einzelne dieser Bilder unter dem frischen
Eindruck einer Theateraufführung entstanden sei. Vielmehr haben wir es hier
mit einem feststehenden Schema zu thun, für das vielleicht ein Werk der gros-
sen Kunst aus der 1. Hälfte des IV. Jahrhunderts das Vorbild gegeben hat.
Nachdem diese Compositionsweise einmal sich eingebürgert hatte, konnte sie auch
auf Gegenstände übertragen werden, denen kein bestimmtes Theaterbild zu Grunde
lag. Sind doch die Vasenmaler bei ihren Gemälden nicht nur durch die Bilder,
die ihnen im Drama vor Augen traten, sondern auch durch die dort gegebenen
Schilderungen nicht sichtbar dargestellter Ereignisse angeregt worden. So führt
beispielsweise eine Amphora aus Ruvo, Ann. d. Inst. 1868, T. E (Vogel, S. 36),
die Ermordung des Neoptolemos nach der Schilderung in Euripides «Andro-
rnache» vor.
Man darf also auch die sicher von Tragödien abhängigen Vasengemälde nicht
als Augenblicksbilder der Theateraufführungen betrachten, viel eher kann man sie
als bildliche Gegenstücke zu den ü-cösctek; auffassen, in denen die Vorgänge eines
Dramas zu einer einheitlichen Erzählung zusammengefasst sind, ohne Rücksicht
darauf, ob die einzelnen Geschehnisse vor den Augen der Zuschauer oder aus-
serhalb des Spielplatzes sich zutragen.
Auch jene Ereignisse, die von den Vasenmalern in die Säulenhalle verlegt
Averden, brauchen daher durchaus nicht einen bestimmten Auftritt des Dramas
wiederzugeben, in denen die Schauspielpersonen in derselben Weise vereinigt wa-
ren, wie sie im Bilde erscheinen. Der Maler muss einen entscheidenden Augen-
blick der Handlung darstellen und die daran beteiligten Personen aus künstleri-
schen Rücksichten in den Mittelpunkt des. Bildes rücken. Im Drama haben viel-
leicht nur die Vorbereitungen zu dieser Handlung vor den Augen der Zuschauer
stattgefunden, während die That selbst ütz'o <r/.r)vfj<; sich abspielte und so den
Blicken der Zuschauer entzogen war.
So ist Kreusas jammervolles Ende vermutlich auch in der nacheuripideischen
Tragödie, die der Münchener Vase (s. o.) zu Grunde liegt, so wenig den Zu-
schauern vor Augen gestellt worden, wie bei Euripides, und wenn Herakles
in dem Drama, auf das die Antigonevase von Ruvo (s. o.) zurückgeht, als 9eö<;
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legebl. 1889, T. XI, 2, Baumeister, Denkmäler, S. 114, vgl. Vogel, S. 100). Im
Innern der Halle stehen, in die Intercolumnien verteilt, drei Personen.
Diese säulengesclimückten Bauten stellen, wie die vorgeführten Ereignisse er-
weisen, durchweg Paläste vor, und die Vorbilder für solche, mit Giebeln ausge-
stattete Paläste wird man im IV. Jahrhundert schwerlich anderswo als im Theater
suchen dürfen. In der That spiegeln diese Vasenbilder auch noch in manchen
anderen Eigenheiten, namentlich in der Tracht und Anordnung der Figuren, die
Sitten des Theaters wieder. Auch der Gedanke, den Hauptpersonen ihren Platz
innerhalb der Halle anzuweisen, mag dadurch angeregt sein, dass manche Auf-
tritte der Tragödien in den Vorhallen der Paläste sich abspielten (vgl. S. 205).
Aber diese allgemeinen Ubereinstimmungen dürfen nicht zu der Annahme
verleiten, dass auch wirklich jedes einzelne dieser Bilder unter dem frischen
Eindruck einer Theateraufführung entstanden sei. Vielmehr haben wir es hier
mit einem feststehenden Schema zu thun, für das vielleicht ein Werk der gros-
sen Kunst aus der 1. Hälfte des IV. Jahrhunderts das Vorbild gegeben hat.
Nachdem diese Compositionsweise einmal sich eingebürgert hatte, konnte sie auch
auf Gegenstände übertragen werden, denen kein bestimmtes Theaterbild zu Grunde
lag. Sind doch die Vasenmaler bei ihren Gemälden nicht nur durch die Bilder,
die ihnen im Drama vor Augen traten, sondern auch durch die dort gegebenen
Schilderungen nicht sichtbar dargestellter Ereignisse angeregt worden. So führt
beispielsweise eine Amphora aus Ruvo, Ann. d. Inst. 1868, T. E (Vogel, S. 36),
die Ermordung des Neoptolemos nach der Schilderung in Euripides «Andro-
rnache» vor.
Man darf also auch die sicher von Tragödien abhängigen Vasengemälde nicht
als Augenblicksbilder der Theateraufführungen betrachten, viel eher kann man sie
als bildliche Gegenstücke zu den ü-cösctek; auffassen, in denen die Vorgänge eines
Dramas zu einer einheitlichen Erzählung zusammengefasst sind, ohne Rücksicht
darauf, ob die einzelnen Geschehnisse vor den Augen der Zuschauer oder aus-
serhalb des Spielplatzes sich zutragen.
Auch jene Ereignisse, die von den Vasenmalern in die Säulenhalle verlegt
Averden, brauchen daher durchaus nicht einen bestimmten Auftritt des Dramas
wiederzugeben, in denen die Schauspielpersonen in derselben Weise vereinigt wa-
ren, wie sie im Bilde erscheinen. Der Maler muss einen entscheidenden Augen-
blick der Handlung darstellen und die daran beteiligten Personen aus künstleri-
schen Rücksichten in den Mittelpunkt des. Bildes rücken. Im Drama haben viel-
leicht nur die Vorbereitungen zu dieser Handlung vor den Augen der Zuschauer
stattgefunden, während die That selbst ütz'o <r/.r)vfj<; sich abspielte und so den
Blicken der Zuschauer entzogen war.
So ist Kreusas jammervolles Ende vermutlich auch in der nacheuripideischen
Tragödie, die der Münchener Vase (s. o.) zu Grunde liegt, so wenig den Zu-
schauern vor Augen gestellt worden, wie bei Euripides, und wenn Herakles
in dem Drama, auf das die Antigonevase von Ruvo (s. o.) zurückgeht, als 9eö<;



