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Ness, Wolfgang [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 1): Stadt Hannover — Braunschweig, 1983

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https://doi.org/10.11588/diglit.44751#0062

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Rundbogenarkaden und Blendbögen. Klar-
heit im Aufriß und funktionelle Verwen-
dung des Ziegelornaments deuten auf die
Anfänge der .Hannoverschen Schule'.
Der Bau des .Dogenpalasts', der den nötigen
Abbruch des Alten Rathauses verdeutlichen
sollte, blieb bis heute der einzige Neuerungs-
versuch in der Geschichte des Rathausbaus.
1863 wurde das ehemalige Palais von Wan-
genheim (s. Friedrichswall 1) als .Neues Rat-
haus' in Benutzung genommen. Gleichzeitig
trat der Hannoversche Architekten- und In-
genieursverein unter Vorsitz von C. W. Hase
für den Erhalt des Alten Rathauses ein. Ein
Restaurierungsvorschlag Hases wurde 1877
gebilligt und kam zwischen 1878 und 1882
zur Ausführung. Die Wiederherstellung des
mittelalterlichen Erscheinungsbildes war
gleichzeitig eine Stilbereinigung, die für die
Mittelalterrezeption in der 2. Hälfte des 19.
Jh. bezeichnend war; das Innere der Markt-
kirche war 1852—55 von Droste in gleichem
Sinne restauriert worden. Nachdem 1889/90
das letzte Teilstück der ersten großen Ost-
West-Verbindung durch die Altstadt, die
heutige Karmarschstraße (s.u.), fertiggestellt

Marktbrunnen, 1881 nach Entwurf C. W. Hases



Kramerstraße 25, 1884, Architekt Chr. Hehl
(historische Aufnahme, da z.Zt. eingerüstet)


war, erbaute Hase in völliger Anpassung an
das gotische Rathaus einen vierten Flügel,
der die Bauten am Markt, an der Schmiede-
und Köbelingerstraße zu einem geschlosse-
nen Komplex um einen viereckigen Hof ver-
vollständigte. Während die schmalen Giebel-
seiten des neuen Flügels optisch die Zweige-
schossigkeit des Alten Rathauses aufnehmen,
ist die dreigeschossige Fassade zur Kar-
marschstraße mit hohem Treppengiebel und
Arkaden auf die hier entstandenen Wohn-
und Geschäftsbauten bezogen.
Zur Erinnerung an die Wiederherstellung des
Alten Rathauses stifteten hannoversche Bür-
ger den Marktbrunnen, ein von Hase 1881
entworfener zweischaliger Bronzebrunnen
mit den Figuren einer Blumen- und Fisch-
verkäuferin (W. Engelhard) als Bekrönung
des reich ornamentierten Brunnenstocks.

Bürgerhäuser am Marktplatz
Bis zum Zweiten Weltkrieg standen am
Marktplatz repräsentative Bürgerhäuser und
Geschäftsbauten, die von der Mitte des 16.
Jh. an bis zum Beginn des 20. Jh. entstan-

Schmiedestraße 5, Hanns-Lilje-Platz 7, 5/4, 3,
2.1


Am Markt 8/10, Halle des
Georg-von-Coel I n-Hauses


den waren. Besonders die Westseite des
Marktplatzes war eine beispielhafte Aufrei-
hung unterschiedlicher hannoverscher Haus-
typen, vom Fachwerkbau aus dem 16. Jh.
über Renaissancefassaden aus Werkstein,
klassizistischen Bauten mit Fachwerk- oder
Putzfassaden bis zu den historistischen Häu-
sern des 19. Jh. Die hier ablesbare Kontinui-
tät einer geschichtlichen und bauhistorischen
Entwicklung des Marktplatzes wurde im
Zweiten Weltkrieg zerstört. Nur zwei Bauten
von 1898 und 1913 blieben an der Nord-
westecke erhalten. Ebenso blieb die Häuser-
reihe nördlich der Marktkirche stehen, die
zu ihrer Entstehungszeit um 1880/85 einen
erheblichen Eingriff in das spätmittelalter-
liche Altstadtgefüge bedeutet hatte. Ur-
sprünglich war die Marktkirche an der West-
und Nordseite dicht umbaut. Ihre Freistel-
lung erfolgte 1884 durch Zurücknahme die-
ser Häuserfront bis zur Höhe der Kramer-
straße, die jetzt unmittelbar in den erwei-
terten Marktplatz einmündet. Unter den ab-
gebrochenen Häusern befand sich ein vierge-
schossiger Massivbau aus dem Jahr 1663,
dessen klar gegliederte, reich geschmückte
Werksteinfassade von Adrian Siemerding
(Erbauer der Duvekapelle an der Kreuz-
kirche, s.d.) gestaltet worden war. Die Fas-
sade wurde abgetragen und in der Laves-
straße 82 einem Neubau vorgesetzt. Es ist
die einzige erhalten gebliebene Renaissance-
fassade eines hannoverschen Bürgerhauses.
Die nördliche Häuserzeile, Hanns-Lilje-Platz
1—5, wurde als geschlossene Gruppe 1884/
85 einheitlich in Backstein mit vorwie-
gend gotisierenden Elementen errichtet. Be-
merkenswert ist das Doppelhaus Hanns-Lilje-
Platz 2/3, das Pfarrhaus der Marktkirche
(Arch.: L. Frühling), das mit Fenstergewän-
den, Geschoßfriesen und Fialenbekrönung
des Erkers direkten Bezug zum Alten Rat-
haus nimmt, der besonders in den heute zer-
störten Giebelfialen zum Ausdruck kam.
Der neu entstandenen Situation im Nord-
westen des Marktplatzes mit den Einmün-
dungen der Kramer- und Knochenhauer-
straße werden die beiden Eckbauten Hanns-
Lilje-Platz 5 und das Haus Werner, Kramer-
straße 25, durch ihre aufeinanderbezogenen
Eckerker und durch die ähnlich gemischte
Verwendung von Backstein und Werkstein
besonders gerecht. Das Werner'sche Haus,
1884 durch Christoph Hehl errichtet, bildet
die räumliche und optische Klammer zwi-
schen der den Marktplatz kulissenartig ab-
schließenden nördlichen Häuserzeile und der
nordwestlichen Seite des Marktplatzes, des-
sen räumliche Fassung durch den rekonstru-
ierten Putzbau des anschließenden Georg-
von-Coelln-Hauses (Am Markt 8—10, 1911,
Architekt Rudolf Friedrichs) gewährleistet
ist. Das Arkadenmotiv des Werner'schen
Hauses, das der von Coelln'sche Bau fast
30 Jahre später aufnimmt, war in die Markt-
platzbebauung erst durch den Hase-Flügel
des Rathauses eingeführt worden. Der tief
in das Grundstück reichende dreiflügelige
Baukomplex des von Coelln-Hauses öffnet
sich in dreigeschossigen durch gußeiserne
Säulen unterteilten Arkaden zu einem läng-
lichen, glasüberdachten Hof.

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