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Twachtmann-Schlichter, Anke [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 14,1): Stadt Hildesheim: mit den Stadtteilen Achtum, Bavenstedt, Drispenstedt, Einum, Himmelsthür, Itzum, Marienburg, Marienrode, Neuhof, Ochtersum, Sorsum, Steuerwald und Uppen — Hameln, 2007

DOI Page / Citation link: 
https://doi.org/10.11588/diglit.44417#0238
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Hildesheim, Peiner Straße 89, Jüdischer Friedhof



separat eingefriedete Begräbnisstätte an der
Peiner Straße 89 konnte noch im gleichen Jahr
eingeweiht werden. Es wurde ein Areal für circa
350 Grabstellen geschaffen. So entstand eine
regelmäßige Anlage, geteilt durch einen von
Nord nach Süd verlaufenden Mittelgang. Die
Belegung erfolgte ebenfalls von Norden nach
Süden. Im vorderen, südlichen Bereich ent-
stand die Aussegnungshalle, auch als „Todten-
haus“ bezeichnet. Sie wurde 1891 in neogoti-
schen Formen in rotem Backstein errichtet.
Hinter der Aussegnungshalle beherrschen vier
imposante Familiengräber das Bild der ansons-
ten von einer Anzahl schlicht gestalteter
Grabsteine bestimmten Anlage. Als Material für
die Grabsteine wurde überwiegend Sandstein,
teilweise Granit und gelegentlich Marmor ver-
wandt. Anhand des Beschriftungsschemas der
Grabsteine ist deutlich ein Wandel im Selbst-
verständnis der jüdischen Gemeinde in Hildes-
heim nachvollziehbar. Sind die Inschriften der
älteren Grabsteine noch traditionell auf der
Vorderseite in hebräischer und rückseitig in
deutscher Schrift verfasst, wandelt sich das
Schema, zunehmend erscheinen die Inschriften
auf der Vorderseite der Grabsteine in deutscher
Schrift. Sicherlich ist dies auch als Ausdruck
einer Assimilation der jüdischen Gemeinde zu
sehen. Aufgrund fehlender Grabsteine sind
heute einige Gräber nicht mehr identifizierbar,
eine Folge der Judenverfolgungen im Zweiten
Weltkrieg. Den Toten und Verfolgten der jüdi-
schen Mitbürger gedenken die neun anonymen
Gräber. Hier fanden jüdische, in Hildesheim
tätige Zwangsarbeiter ihre letzte Ruhestätte. Ein
weiteres Mahnmal ist der 1946 gestiftete
Grabstein zum Gedächtnis der „Opfer des
Rassenhasses“.

Ehemaliger Fliegerhorst
Der Versailler Vertrag von 1919 untersagte dem
Deutschen Reich unter anderem auch den
Aufbau von Luftstreitkräften. Der Fliegerhorst in
Hildesheim ist in seinem Ursprung auf einen
bereits 1927 eingerichteten zivilen Flugplatz
zurückzuführen. Nach der Machtergreifung der
Nationalsozialisten im Januar 1933 wurde der


Hildesheim, Lilly-Reich-Straße 1,3, 5


Flugplatz bzw. das gesamte Gelände für den
verdeckten Aufbau einer Luftwaffe genutzt. Als
„Deutsche Verkehrsfliegerschule“ der „Deut-
schen Luftfahrt GmbH“ getarnt, entstand
1933/34 ein Ausbildungszentrum einer Aufklä-
rer-Fliegerschule in Hildesheim. Bereits im Juli
1934 wurde der Lehrbetrieb in der noch nicht
vollständig fertig gestellten Anlage aufgenom-
men. Der bislang nur getarnt betriebene
Ausbau der Luftwaffe wurde mit der offiziellen
Einrichtung einer Luftwaffengattung 1935 unter
dem Oberkommando von Reichsmarschall
Hermann Göring nun intensiv und offen be-
trieben - so auch in Hildesheim. Bis 1939 wur-
den reichsweit insgesamt 21 Geschwader
aufgestellt. Bei einem solch offensiven Aufbau
der Luftstreitkräfte waren Ausbildungszentren
wie in Hildesheim von großer Bedeutung. Dabei
dokumentiert sich der besondere Status der
Luftwaffe als militärische Eliteeinheit auch in der
architektonischen Gestaltung der gesamten
Anlage.

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