Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Overview
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
- Zweigeschossige, straßenseitig verputzte
Durchfahrtüberbauung. Das dreiachsige Ober-
geschoss sowie das mit nachträglicher Dach-
gaube besetzte Satteldach zu Wohnzwecken
genutzt. Rückseitig das Obergeschoss in einer
Fachwerkkonstruktion des 18.Jh.
Auf dem Wüstenort 6/Zollstraße 1. Zweige-
schossiges traufständiges Hinterhaus, Ende
des 16.Jh., an der Ecke zur Zollstraße, das die
Hausstätte Große Bäckerstraße 22 im Osten
begrenzt. In die massive, hell geschlämmte
Fassade unter Walmdach mit breitem, mittigem
Aufzugserker außen rechts eine segmentbogi-
ge Durchfahrt mit Fachwerkobergeschoss inte-
griert. Links davon rundbogiger Eingang in das
teilunterkellerte, 1977 durch einen Ladeneinbau
veränderte Erdgeschoss. Für das vierachsige
Obergeschoss ist bereits 1790 eine Wohnnut-
zung überliefert. 1590 bezeichnete Wappen-
tafel unter dem linken Fenster mit den Wappen
der damaligen, aus den Patrizierfamilien Elver
und Witzendorff stammenden Besitzer. Die
über profilierten Knaggen vorkragende Fach-
werkkonstruktion der südlichen Traufseite, die
in jedem zweiten Gefach ein durch Fußbänder
eingegrenztes Dreieck enthält, setzt sich in dem
wohl gleichzeitig errichteten, weitere acht
Gefache umfassenden Trakt Zollstraße 1 fort,
den links ein Rundbogeneingang erschließt.
Seine hofseitige Erdgeschossfachwerkwand
bereits 1960, die straßenseitige Massivwand
1977 im Zuge eines Ladeneinbaus massiv
ersetzt. Im Dachbereich der Durchfahrt als Rest
einer Windenanlage eine stehende Welle.
AUF DER ALTSTADT
Als mittlere Achse der drei die westliche Altstadt
strahlenförmig durchziehenden Wegeführungen
führt die Straße Auf der Altstadt von Vierorten
aus zunächst nach Westen, um ab der Rübe-
kuhle in nordwestliche Richtung zu schwenken
und nach ca. 220 Metern unter leichtem An-
stieg die Michaeliskirche zu erreichen. Bevor
der östliche Straßenabschnitt bis zur Einmün-
dung von Unterer und Oberer Ohlingerstraße
den heutigen Namen im 16.Jh. erhielt, wurde er
Judenstraße genannt („platea iudeorum“,
1288). Sie gilt als Teil des mittelalterlichen Sied-
lungsbereichs der jüdischen Bevölkerung, in
dem sich nach Quellen des 15.Jh. zwei Syna-
gogen/Judenschulen lokalisieren lassen. Eine
1411 genannte Judenschule, erworben von
Hinrik Rubowe, der sie 1426 wieder verkaufte,
ist nördlich des Grundstücks Auf der Altstadt
49 anzunehmen. Die Lage einer weiteren Syna-
goge/Judenschule ist durch den rückwärtigen
Bereich des Grundstücks Obere Ohlingerstraße
10 (ehemaliger Barhof) und den rückwärtigen
Bereich der Parzelle Auf der Altstadt 39 (bei
Manecke „Petersens Backhaus“ genannt) ein-
zugrenzen. Sie wird 1474 erwähnt, befand sich
allerdings bereits zu dieser Zeit in bürgerlichem
Besitz, da bis zu dem indirekt überlieferten Po-
grom gegen die jüdische Bevölkerung im Zuge
der Pest im Jahre 1350 sich über 300 Jahre
vermutlich keine Juden mehr in Lüneburg
niederließen. Die Bezeichnung „up der Olden-
stat in der Jodenstrate“ begegnet 1496 im
Zusammenhang mit einer Brunnenanlage im

Gesamtansicht der Stadt Lüneburg aus der Vogelschau (Ausschnitt), Braun/Hogenberg, um 1598 (kolorierter
Nachdruck StA Lg, K 10/37, k, 4)


Haus des Drewes Wale (Auf der Altstadt 43),
der das als Synagoge bezeichnete Haus im fol-
genden Jahr erwarb. Obwohl der Name
Judenstraße bereits in der 1. Hälfte des 17.Jh.
aus den Urkunden verschwand, hielt sich die
Tradition dieser Bezeichnung bis um 1800 (vgl.
Plan Gebhardis von 1778).
Die Auf der Altstadt ansässigen Bewohner waren
im 16./17.Jh. vorwiegend Handwerker, unter
denen die Bereiche Nahrung und Bekleidung am
häufigsten vertreten waren; so sind beispiels-
weise in der Schossliste von 1682 zwei
Knochenhauer (Nr. 24, 32), drei Bäcker (Nr. 37,
39, 41) und vier Brauer (Nr. 13, 27, 36, 43) auf-
geführt. Das Bekleidungs- und Textilhandwerk
vertraten zwei Schneider, drei Leineweber und
zwei Schuster. Darüber hinaus waren unter den
Nm. 16 und 21 zwei Holzhöfe angesiedelt.
Die durchschnittliche Grundstücksbreite der
Nordseite mit fünf bis sieben Metern ist im
Vergleich zur Südseite etwas schmaler. Zu den
am großzügigsten bemessenen Anwesen ge-
hören die Eckgrundstücke, deren Häuser im
Falle von Nr. 13, 27 und 43 mit der Brauge-
rechtigkeit ausgestattet waren. Im Straßenbild
nimmt dabei die Nr. 43, die 1682 außer dem
Nebenhaus Nr. 42 überdies das Backhaus Nr.
41 zu ihrem Besitz zählte, eine herausragende
Position im Kreuzungsbereich Untere/Obere
Ohlingerstraße ein.
Ein ausgedehntes Anwesen stellte im Ostab-
schnitt unter der heute von einem historisti-
schen Ersatzbau besetzten Nr. 8 bis zu seinem
Abbruch 1904 der Wienhäuser Hof dar, ein

traufständiges Gebäude unter Satteldach von
1568, das über dem massiven Erdgeschoss ein
mit Rosetten reich beschnitztes Obergeschoss
besaß. Am einschneidendsten ist die städte-
bauliche Situation am östlichen Beginn der
Straße gestört, den auf der Südseite ein Kauf-
hausneubau (1991) anstelle von zweigeschos-
sigen, traufständigen Fachwerkbauten des 18.
bzw. frühen 19.Jh. und eine gegenüberliegende
Parkpalette dominieren, sodass die frühere
Situation einer geschlossenen, kleinteiligen
Wohnbebauung, wie sie unter den Nrn. 1-7
existierte, an dieser Stelle nicht mehr nachvoll-
ziehbar ist. Im Zuge der Senkungsabrisse ver-
schwanden z.B. 1955 ein schmales Giebelhaus
der Renaissance (Nr. 5) und 1968 ein ehemals
von einem Staffelgiebel bekröntes Haus (Nr. 7).
Nach dem Abriss 1966 eines giebelständigen
Backsteinbaus wohl des 16,Jh. besetzt heute
auch die Einmündung zur Unteren Ohlinger-
straße ein Neubau.
Insgesamt fügt sich die Bebauung aus zwei-
und dreigeschossigen, traut- und giebelständi-
gen Gebäuden zusammen, die abgesehen von
jüngeren Ersatzbauten mit ihrer Bausubstanz in
das 16.Jh. zurückreichen und an den ziegel-
sichtigen oder verputzten Fassaden ebenso wie
im Innern Spuren der über die Jahrhunderte
hinweg vorgenommenen Überformungen tra-
gen. Ein frühneuzeitlicher Ursprung darf für die
beiden klein dimensionierten, jeweils dreiachsi-
gen Traufenhäuser Nr. 9/10 vermutet werden,
deren Putzfassade in den Jahren 1946/47 nach
dem Abbruch zweier außen angeordneter Aus-

297
 
Annotationen