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licher Erholungsparks und Renaturierungsmaß-
nahmen vor allem im Bereich von Schneverdin-
gen (in den seit 1994 für militärische Übungs-
zwecke aufgegebenen ehemaligen sog. „Roten
Flächen“ östlich des Kernortes) haben zu seiner
heutigen Bedeutung als Fremdenverkehrsge-
meinde beigetragen.
Im 19.Jh. war aus dem großen Bauerndorf, wel-
ches 1684 schon 28 Höfe (davon zwei Vollhöfe
und 26 Pflugkötner) aufwies und sich bis 1774
auf 39 Feuerstellen entwickelt hatte, aufgrund
der günstigen Lage an einem der bedeutenden
Heer- und Handelswege von Bremen nach Lü-
neburg bzw. nahe der späteren „Poststraße von
Nienburg nach Harburg“, ein gleichermaßen
vom Ackerbau, Handel und Handwerk lebender
Ort geworden. Aus der schon früh über den
notwendigen Eigenverbrauch hinausgehenden
Verarbeitung von und dem Handel mit Heide-
produkten, wie Wolle, Leder oder Honig hatte
sich eine industrielle Produktion entwickelt, die
erst durch den allgemeinen Aufschwung der
Gründerzeit und den frühen Zuzug von Hand-
werkern (ab 1870) möglich wurde. Sie führte zu
einem starken Bevölkerungszuwachs und zu
einer Siedlungsausdehnung, die langfristig zu
einer Veränderung der ursprünglichen dörflichen
Situation geführt hat. Die Entwicklung wurde
durch den Bau der Nebenbahn nach Hamburg
noch gefördert, die ab 1901 mit einem Bahnhof
in Schneverdingen und einigen Haltepunkten im
Gemeindegebiet von Soltau nach Buchholz
führte und dort jeweils Anschluss an das über-
geordnete Netz bot. Unter der Herrschaft von
Napoleon war bereits im frühen 19.Jh. der Aus-
bau einer befestigten Heeresstraße (der späte-
ren, in knapper Entfernung östlich an Schnever-
dingen vorbeiführenden B 3) vollzogen worden,
die für die Anbindung der gesamten Region von
großer Bedeutung war.
Die gute Erschließung begünstigte u.a. 1909
sicherlich auch die Gründung eines Versuchs-
Flugplatzes nordöstlich von Schneverdingen im
Gebiet von Reinsehlen im Ortsteil Insel. Diese im
Zweiten Weltkrieg als Militärflughafen benutzte
Fläche war daraufhin in die Übungsflächen des
Britischen Militärs einbezogen worden. Die Trup-
pen hatten u.a. das wenig besiedelte Heidege-
biet der Osterheide eingenommen, welches gut
erreichbar nahe der 1958 fertiggestellten Nord-
Süd-Autobahn A 7, zwischen Schneverdingen
und der Bundesstraße 3 lag. Seit dem Abzug
der Streitkräfte aus dem gesamten Raum wur-
den die im Naturschutzgebiet liegenden zerstör-
ten Flächen insbesondere unter den Gesichts-
punkten von Landschaftsschutz und Fremden-
verkehr in die Entwicklungsplanung der Stadt
einbezogen und weitgehend in die frühere Hei-
delandschaft zurückverwandelt.
Schon bis zum Ende des 19.Jh. hatte sich die
Siedlungsdichte im Ort infolge des Bevölke-
rungszuwachses durch die zahlreichen, vor al-
lem lederverarbeitenden Betriebe und städti-
schen Folgeeinrichtungen (u.a. Post und Ban-
ken) deutlich erhöht. Die großen Parzellen der
alten Hofanlagen wichen zunehmend Wohn-
und Geschäftshäusern; eine Entwicklung, die
sich nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkte und
bis heute zu immer neuen Veränderungen und
Verdichtungen der Bebauungsstruktur geführt
hat.

Das frühere Haufendorf hatte sich am Rande
der bis zu 120 Meter hoch aufragenden Endmo-
räne (Berg Höpen) an der nach Westen der
Wümme zufließenden Veerse um den marktplatz-
ähnlichen Kreuzungspunkt zahlreicher Wege
angesiedelt. Ausgangspunkt war die Kirche mit
einer umgebenden Bebauung zwischen der
Straßenspange von Am Markt und Bergstraße.
Diese hatte sich im Verlauf der wichtigen Orts-
durchfahrten (heute der Landesstraßen L 170
und 171) vor allem nach Osten und Westen
ausgedehnt. Eine stetige Erweiterung des Sied-
lungsgebietes auch über die Bahn hinaus und
die Auffüllung der größtenteils landschaftlich
reizvollen Siedlungsflächen zwischen der jeweili-
gen Straßenbebauung erfolgte erst seit der
Nachkriegszeit. Heute sind die vielen land-
schaftsbezogenen Neubaugebiete charakteris-
tisch für Schneverdingen. Dazwischen liegt im
Norden von Schneverdingen der zum Heimathof
ausgebaute sog. „Theeshof“, der mit teilweise
translozierten Gebäuden die ehemals größte
Hofstelle des früheren Dorfes Hansahlen ein-
nimmt, welches schon seit dem 19.Jh. mit dem
Kernort zusammen wuchs. Er erinnert Einwoh-
ner und Fremde heute an die bäuerlichen Ur-
sprünge der Besiedlung.
Bedeutsam für die Ortsgeschichte ist auch das
auf großem Grundstück mit Garten erbaute,
eingeschossige frühere Amtshaus, Am Markt,
das einschließlich des Amtsgerichts bei der
Neuorganisation der Ämter im Jahre 1852 durch
An- und Umbauten aus dem alten sog. „Vogt-
haus“ entstanden war. Nach Abzug der Amts-
geschäfte nach Soltau war die erste 1868 ge-
gründete Bank dort untergebracht worden, bis
diese 1913 Platz in einem repräsentativen zwei-
geschossigen Bank- und Postneubau fand. Das
Gebäude ist durch 1983 durchgeführte, um-
fangreiche Modernisierungsmaßnamen nachhal-
tig verändert worden, so wie bis heute viele Ge-
bäude in der Innenstadt.

Ev. Kirche Peter und Paul
Die 1745/46 erbaute Kirche (Kirchstraße) ist
eines der wenigen Baudenkmale und zugleich
das älteste des Kirchortes selbst. Sie steht
inmitten des nach Westen erweiterten Friedho-
fes, welcher nach Verlegung der Grabstellen im
19.Jh. als parkartige Grünfläche den Baukörper
umgibt. Ihr weithin sichtbarer Turm markiert den
historischen Mittelpunkt des Ortes.
Das Gebäude ist der Nachfolgebau einer der
Überlieferung nach von der Familie „Schnever-
ding“ gestifteten Kirche, die sicherlich schon im
13.Jh. vorhanden gewesen sein dürfte (1306 Er-
wähnung einer „parochia sneverdinge“) und ver-
mutlich dem Archidiakonat Scheeßel im Bistum
Verden angehörte und seit 1648 der Diözese
Stade.
An die Ursprungskirche erinnert das älteste
Ausstattungsstück der Kirche. Der bronzene
Taufkessel vom Anfang des 14.Jh. wird von vier
gleich gestalteten Figuren mit schräg gehaltenen
Köpfen getragen. Zierinitialen schmücken die
durch erhabene Streifen gegliederten Wandun-
gen unterhalb seines verstärkten oberen Ran-
des. Im Inneren des Kessels ist eine 1652 ge-
schaffene Taufschale untergebracht. Mittelalter-

lich ist auch die im Eingang aufgestellte Grab-
platte eines im 16.Jh. gestorbenen bischöflichen
Vogtes von Schneverdingen mit beeindrucken-
den figürlichen Reliefdarstellungen. Auf der Süd-
seite der Kirche stehen drei weitere Grabsteine
des früheren Friedhofs.
Die heutige, von Joh. Chr. Goetze ursprünglich
wohl ohne Turm erbaute einschiffige Kirche, die
evtl, unter Einbeziehung von Mauerteilen der Vor-
gängerkirche entstanden war, stellt sich, der Er-
bauungszeit (1745-46) entsprechend, als schlich-
ter, ursprünglich steinsichtig verputzter Baukör-
per unter Mansarddach mit einem dreiseitigen
Chorabschluss dar. Abgetreppte Strebepfeilern
an den Chorecken und elf gleichmäßig verteilte,
hohe flachbogige Fenster mit steinernen Mittel-
pfosten kennzeichnen das Kirchengebäude wei-
terhin. Ihr heutiges flaches Satteldach erhielt es
erst mit dem 1862/63 erfolgten inneren Umbau
durch den im Bauen erfahrenen Schneverdinger
Mühlenbesitzer Jürgen Meyer. Um zusätzliche
Sitzplätze in der schnell anwachsenden Ge-
meinde zu schaffen, wurden die Sitzreihen ein-
schließlich einer neuen zweigeschossigen Em-
pore auf den längsseitig versetzten Kanzelaltar
umorientiert. Der Raum umfasste danach 1.600
Plätze. Ebenfalls zur Vergrößerung hat die Feld-
steinkirche 1922 an den Längsseiten zwei im
Stil angepasste, unterschiedlich große Anbauten
erhalten, deren abgewalmte Dächer nordseitig in
das vorhandene Dach eingreifen.
Der seit dem großen Umbau weitgehend ein-
heitlich gestaltete Innenraum mit der erneuerten
flachen Decke mit offenen Querbalken wird von
der hölzernen Empore beherrscht, die auf
gusseisernen Stützen erbaut wurde und die,
von der 1976 neu erbauten Orgel unterbrochen,
nur den Bereich um den Altar freilässt. Barocke
Zierelemente schmücken den Kanzelaltar aus
der Erbauungszeit der Kirche, der inmitten nie-
driger rundbogiger Durchgänge einen ebenfalls
rundbogigen hohen Aufbau mit seitlichen korin-
thischen Pilasterbündeln besitzt und einen
unterhalb eines Schalldeckels vorspringenden
Kanzelkorb. An seinen drei Seiten sind Statuet-
ten der Kreuzigung, von Moses und Johannes
dem Täufer angebracht worden.
Der in üblicher Weise abgesetzte hölzerne
Glockenturm der Vorgängerkirche war erst
1864-66 durch einen im Westen an die Kirche
angesetzten Backsteinturm ersetzt worden. Der
schließlich ausgeführte Bau weist im Gegensatz
zu einem 1862 gezeichneten Entwurf mit baro-
cken Formen (ebenfalls von Meyer für Kirchen-
schiff und Turm) eine neugotische Formenspra-
che auf. Seine dreizoniger, mit Zierziegel- und
Sandsteinelementen gegliederter Aufbau mit go-
tischem Portal und Rosette sowie Blendfenstern
wird von Backsteinmaßwerk bekrönt. Nach der
Zerstörung seiner Spitze infolge eines 1907 aus-
gebrochenen Feuers wurde diese in schieferge-
deckter achteckiger Form noch erhöht.
Von dem Kirchenbaumeister war 1867 auch die
Friedhofskapelle (Bergstraße) erbaut worden,
die im Zusammenhang mit der Verlegung des
Friedhofes an den Südrand des alten Ortskerns
notwendig geworden war. Sie weist eine voll-
ständig andere, fast zeitlos wirkende Formen-
sprache auf, die schon in die sog. Moderne des
20.Jh. reicht.

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